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Die Sonderausstellung "Vom Goggo- zum Lifestyle-Mo

Die Rückkehr der Bonsai-Autos

Heute wirken sie auf manche Betrachter billig oder primitiv: Die Kleinstwagen der Nachkriegszeit. Doch sie ermöglichten damals vielen Normalverdienern überhaupt erst den Einstieg in die Motorisierung.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später erleben die Bonsai-Autos, ausgestattet mit zeitgemäßer Komfort- und Sicherheitstechnik, ihre überraschende Wiederauferstehung. Eine Sonderausstellung im Auto & Technik Museum Sinsheim, die noch bis zum 6. Januar 2011 gezeigt wird, stellt zeittypische Winzlinge aus den 1950-er Jahren wie Glas Goggomobil, BMW Isetta, Messerschmitt Kabinenroller und Kleinschnittger Speedster zwei gleich großen, aber ungleich moderneren Kleinstwagen von heute gegenüber: Dem Smart und dem Toyota iQ.

Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf die Darstellung des technischen Fortschritts im Automobilbau. Sie geht auch ausführlich auf andere Aspekte ein, etwa auf die Preisentwicklung bei Automobilen und Konsumgütern von 1960 bis heute. Außerdem beleuchtet sie die Entwicklung der Unfallzahlen und die Erfolge bei der Verminderung von Verbrauch und Schadstoffausstoß.

Die Motorleistung stieg in den vergangenen fünf Jahrzehnten um fast das Zehnfache stieg, gleichzeitig ging der Schadstoffausstoß um mehr als 90 Prozent zurück. Seilzug-Trommelbremsen wurden durch hydraulische Scheibenbremsen ersetzt, statt unsynchronisierter Dreiganggetriebe übernehmen heute automatisierte Fünfganggetriebe oder eine stufenlose CVT-Automatik die Kraftübertragung. Auch sonst haben Kleinstwagen von heute mit ihren Vorgängern – außer der „Größe“ – kaum noch etwas gemeinsam. Den Fortschritt bei Komfort und Sicherheit gibt es allerdings nicht zum Nulltarif. Manche Kleinstwagen liegen preislich im Bereich der unteren Mittelklasse. Aber knappe Parkplätze, steigende Kraftstoffpreise, strengere Umweltgesetze und ein verändertes Käuferbewusstsein machen die „Urenkel“ von Goggomobil und Isetta vor allem bei Großstadtbewohnern immer häufiger zu Trendsettern für einen neuen Lebensstil.

Es war keineswegs – auch wenn es sein Name suggeriert – der Volkswagen, der in den ersten Jahren des Wirtschaftswunders die Deutschen auf die Räder brachte. Der „Käfer“, wie er später genannt wurde, war wegen seines Preises zu Beginn eher ein Auto für Besserverdiener. Für die breite Masse kamen viel eher winzige, von schwachbrüstigen Ein- oder Zweizylindermotoren angetriebene Gefährte mit drei oder vier Rädern in Frage.

Unzählige Familien erfüllten sich in den 1950-er und 1960-er Jahren mit Kleinstwagen, wie BMW Isetta, Messerschmitt-Kabinenroller oder Goggomobil erstmals den lang gehegten Traum von individueller Mobilität.

Der schon eine Klasse höher angesiedelte Lloyd-Kleinwagen des Bremer Borgward-Konzerns („Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd!“ dichtete die neidische Konkurrenz) gehörte nach 1950 zu den meistverkauften Autos in Deutschland.

Die wichtigste Zielgruppe der zahlreichen Kleinstwagenhersteller war das Heer der Motorrad- und Motorrollerfahrer. Sie suchten ein preiswertes, wetterfestes Transportmittel für den Weg zur Arbeit, in dem sie sonntags auch die Familie mitnehmen konnten. Die meisten Anbieter der teilweise skurrilen Primitivmobile verschwanden schon bald wieder vom Markt. Die BMW Isetta oder der Kabinenroller von Messerschmitt erreichten respektable Stückzahlen. Ungekrönter König der Autozwerge war jedoch das viersitzige, 2,90 Meter lange Goggomobil aus der ehemaligen Landmaschinenfabrik Glas. Es überlebte sämtliche Konkurrenten, nicht zuletzt auch weil es mit dem alten Führerschein der Klasse 4 gefahren werden konnte. Von 1955 bis zum Produktionsende im Sommer 1969 liefen in Dingolfing (wo heute ein BMW-Werk steht) knapp 284.000 winzige Limousinen und Coupés vom Band.

Mit wachsenden Einkommen verschwanden schon in den 1970-er Jahren die Autozwerge aus dem deutschen Straßenbild. Die Autos wurden bis zum Ende des letzten Jahrhunderts stetig schwerer und größer. Ein Beispiel: Der erste VW Golf von 1974 war 3,72 Meter lang und wog, in seiner einfachsten Variante, 790 kg. Sein aktueller Nachfolger, der Golf VI, misst mit 4,20 Metern fast einen halben Meter mehr und bringt stolze 1.300 kg auf die Waage.

Den Besuchern der Frankfurter IAA von 1997 musste daher der Smart mit seinen 2,50 Metern Außenlänge wie ein Fahrzeug von einem anderen Stern erscheinen. Es dauerte allerdings noch etliche Jahre, bis sein revolutionäres Konzept ernst genommen wurde. Die Beseitigung der anfangs vorhandenen technischen Mängel trug ebenso dazu bei wie der gesellschaftliche Wandel. Immer mehr Autokäufer kaufen heute nach der Devise „Klein, aber fein“. Sie suchen gut ausgestattete Kleinstwagen wie Smart oder Toyota iQ, mit zeitgemäßen Extras wie ABS, ESP, Airbags, Klimaanlage und Automatikgetriebe. Sie garantieren dank ihrer einzigartigen Wendigkeit im Großstadtdschungel jede Menge Fahrspaß. Den neuen Bonsai-Autos gehört ganz offensichtlich die Zukunft: 2009 wurden in Deutschland mit rund 350.000 Kleinstwagen doppelt so viele Fahrzeuge wie im Vorjahr verkauft, mehr als jemals zuvor.

Die Sonderausstellung „Vom Goggo- zum Lifestyle-Mobil: Die Rückkehr der Bonsai-Autos“ ist bis 6. Januar 2011 täglich von 9 bis 18 Uhr im Auto & Technik Museum Sinsheim zu sehen. Weitere Infos unter www.technik-museum.de.

Quelle:Gerhard Prien