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Reisemobile/Sonstige

"All-in-One" von VW von 2001

Immer noch topaktuell

Reisemobil „All-in-One“ von VW von 2001

Im August 2001 tritt das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft, das die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare weitgehend an die von Ehepartnern angleicht. Ziemlich revolutionär, ebenso wie das Fahrzeug, das VW auf dem Düsseldorfer Caravan Salon in Messehalle 16 zeigt. Neben den unvermeidlichen Californias und Multivans - steht die von Volkswagen Nutzfahrzeuge gemeinsam mit dem Design-Center Hymer IDC entwickelte Studie „All-in-One“. Während das seinerzeit in Pforzheim angesiedelte Design-Center des Caravan- und Reisemobil-Herstellers Hymers mittlerweile bereits Geschichte ist, steht der All-in-One auch heute noch da wie frisch vom Band gelaufen. Topaktuell nennt man das – und vorausschauend. Denn etliche Elemente des Freizeit-Fahrzeugs mit seinem flexiblen Konzept hielten erst in den vergangenen Jahren Einzug im Reisemobil-Bau. Ganz klar, der betont „automotiv“ gestylte All-in-One kann als früher Vorbote des Trends hin zum Teilintegrierten beim Wohnmobil gelten.

Kurz nach der Jahrtausendwende weist die Studie neue Wege. Sie ist realistisch gehalten und bündelt zahlreiche Innovationen. Dank computergestützter Entwicklung und der Einbindung kompetenter Systempartnern hätte die Studie in Serie gehen können. Beim Konjunktiv, beim "können", ist es leider geblieben. Volkswagen Nutzfahrzeuge tat sich seinerzeit beim Projekt „All-in-One“ mit dem vom Designer Professor Johann Tomforde geleiteten Pforzheimer Innovations- und Design-Center Hymer IDC - das mittlerweile auch Geschichte ist - zusammen. Ziel war die Entwicklung und Realisierung einer wegweisenden, technologisch und wirtschaftlich realisierbaren Studie. Die ließ sich in keine vorhandene Fahrzeugkategorie einordnen und verband die Vorzüge unterschiedlicher Bauarten miteinander.

Basis der Studie war ein VW T4, für das Hymers IDC eine Verlängerung des Radstands auf 3,50 Meter und eine Spurverbreiterung um rund 33 Zentimeter entwickelte. Die Bordtechnik des „All-in-One“ wurde komplett unterflur montiert, so sind etwa die Wassertanks frostgeschützt im Rahmen des Fahrgestells untergebracht. Seitlich sind der Gaskasten und die Kombination aus Gasheizung und Warmwasserboiler installiert. Der Innenraum des „All-in-One“ ist daher frei von hinderlichen Installationen.

Eine der Vorgaben bei Entwicklung der Studie lautete Alltagstauglichkeit. Mit einer Breite von 219 cm schlüpft das nur knapp 2,6 Meter hohe Fahrzeug auch durch Engstellen, die manches Reisemobil herkömmlichen Zuschnitts nicht passieren kann. Mit 5,90 Meter Länge passt das kompakte Reisemobil auf normale Parkplätze für Pkw und profitiert von günstigen Mautgebühren und Fährtarifen.

Das Dach ist strömungsgünstig geschwungen und verfügt über ein eingebettetes Bugfenster über Fahrerkabine und dem GfK-Aufbau. Das Panoramafenster sowie Ablagen in den seitlichen Rundungen des Aufbaus tragen zum angenehmen Wohn- und Raumgefühl bei. Der Aufbau besteht aus fünf großen Segmenten aus jeweils einem GfK-Sandwich mit Isolierung aus Polyurethan­schaum. Wände, Heck und Dach sind miteinander verklebt und bilden zusammen mit dem innenliegenden Aluminiumrahmen eine leichte, mittragende Struktur. Diese Multifunktionale Aluminium-Struktur (MAS) nach Art eines Space-Frames dient zur variablen Aufnahme von Einrichtungs­elementen und als stabiler Überrollkäfig.

Eine der Besonderheiten des „All-in-One“ ist seine fünftürige Karosserie. Vorne führen die Originaltüren des Transporter ins Fahrerhaus, aus den verbreiterten Fahrertürauftritten herausgeformte Strömungskörper sorgen für einen schnittigen Übergang zum Wohnaufbau. Im Fond gibt es erstmals bei einem Reisemobil zwei Türen zu den Fahrgastsitzen und dem multifunktionalen Freizeitraum. Das Heck mit Van-Charakter schließt oben und unten mit spoilerartigen Abrisskanten ab. Mit den geschwungenen Eibfassungen der Fenster, vorne in Sundown-Metallic und hinten in elegantem Anthrazit gehalten, wirkt das Freizeitmobil wie aus einem Guss. Die große Heckklappe führt in den Wohnbereich, mit der geräumigen Sitzgruppe im hinteren Bereich des Reisemobils. Darüber schwebt das elektrisch absenkbare Hubbett, darunter finden herausnehmbare und auch im Freien nutzbare Utensilien-Boxen ihren Platz.

Die Passagiere in der zweiten Reihe genießen während der Fahrt reichlich Platz. Die beiden Einzelsitze mitsamt ihrem Schienensystem stammen aus dem Volkswagen Multivan und verfügen über integrierte Dreipunkt-Sicherheitsgurte. Da die Fahrgastsitze im verbreiterten Teil des Aufbaus montiert sind, bleibt auf der linken Seite Platz für ein Sideboard mit Becherhaltern und Anschlüssen für elektronische Geräte sowie eine herausnehmbare Kühlbox. Rechts befindet sich ein Klapptisch, der zusammen mit den gedrehten Vordersitzen eine gemütliche Sitzgruppe ergibt. Den Fahrgäste auf den hinteren Plätzen erlaubt die großzügige Verglasung mit den ausstellbaren Acrylfenstern den Blick zur Seite und schräg nach vorn.

Der Wohnraum selbst ist in mehrere Bereiche geliedert, die ineinander übergehen und - je nach Funktion - variabel genutzt werden können. Die unterschiedliche Nutzung von Küche, Sanitärraum sowie Wohn- und Schlaftrakt wird durch darauf abgestimmte Materialien unterstrichen.

Der rund geformte Küchenblock ist gleich neben dem Einstieg auf der rechten Seite untergebracht. Sie bietet ein Corian-Oberteil mit einem eingelassenen Glaskeramik-Kochfeld eines Gaskochers und einer Spüle. Der Sockel der Küche trägt graues Echtholzfurnier und enthält praktische Auszüge für Koch-Accessoires sowie einen großen Kühlschrank. Oben ragt aus einem Hängeschrank das hochwertige Edelstahlgehäuse eines Heißluftbackofens heraus, für die Zubereitung frischer Mahlzeiten oder Fertiggerichte.

Der Sanitärraum wird bei Bedarf mit einem teil-transparenten Rollladen aus Kunststoff vom Wohnraum abgetrennt. Er nimmt den Eingangsbereich auf der linken Seite ein und dient als Nass- und Schmutzschleuse. Wird das Bad nicht genutzt, sind im Boden nur ein Holzrost sowie an der Trennwand aus Alucobond das integrierte Waschbecken zu sehen. Als Funktionselemente gestaltet sind die Waschtisch- und Duscharmaturen, die auch außerhalb des Fahrzeug nutzbar sind. Hinter der Trennwand versteckt sich das Cassetten-WC, das erst durch Vorschwenken der Trennwand sicht- und benutzbar ist.

Ans Bad schließt sich zur Hecksitzgruppe hin ein variabel nutzbarer Kleiderschrank mit Rollladen aus transparentem Kunststoff an. Wenn der Bereich nicht genutzt wird, bleibt er - wie die Konstruktion im Bad - geöffnet. Die Sitzgruppe mit vier Einzelplätzen im Heck bildet den Abschluss des „All-in-One“. Mit 1,20 Meter Breite und zwei Meter Tiefe dient sie umgebaut als zusätzliches Bett, die Tischplatte ist schwenkbar auf einem Teleskopfuß angeordnet. Die geöffnete Heckklappe wie eine große Balkontür als Ein- und Ausgang dienen. Unter dem Boden im Heck ist ein geräumiges Schubfach angebracht, das sich einen Meter weit herausziehen lässt. Wird seine Oberfläche durch eine Platte abgedeckt, steht den Reisenden eine Veranda als erweiterter Lebensraum unter der geöffneten Hecktür zur Verfügung. Obendrein nimmt das Schubfach im Heck das Reserverad sowie Sportgeräte wie Golfbags, zwei Klappfahrräder oder ein Mountainbike auf.

Zudem verbergen sich unter den Sitzbänken links und rechts je zwei herausnehmbare Staukästen. Sie bestehen aus Alucobond, einem Aluminium-Verbundmaterial, das sich durch sehr hohe Stabilität und geringes Gewicht auszeichnet. Mit Hilfe der Kästen können die Reisenden ihr Gepäck und andere Reiseutensilien zu Hause packen und durch die Heckklappe einladen. Außerdem dienen die Kästen mit ihren Polstern als Sitzgelegenheit im Freien.

Bei einer zweiköpfigen besatzung ist der Umbau der Sitzgruppe nicht notwendig. Denn unter der Decke wartet das gemachte Bett, ebenso wie das in der Sitzgruppe 200 x 120 cm groß. Die Passagiere senken die Liegefläche per Fernbedienung elektro­motorisch auf die gewünschte Höhe ab. Die Wanne des Hubbetts besteht aus Alucore, einem Aluminium-Sandwich mit einer Aluminiumwabe als Einlage, zur Unterlüftung ist die gesamte Konstruktion gelocht. Vier schlanke, bewusst sichtbar angeordnete Rohrprofile der Aluminium-Struktur tragen das Bett mit integriertem Komfortfedersystem.

Die Polster der Sitzflächen vorne wie im Wohnraum tragen cremefarbenes Leder, durchzogen von einer Mittelbahn aus anthrazitfarbiger Microfaser. Die Materialkombination von Leder, Alcantara, Holz und Aluminium sowie Schichtstoffen in Creme- und Grautönen schafft einen wertigen Eindruck. Den Wohlfühleffekt sollen LEDs als farblich wählbares Flächenlicht, LED- und Glasfaserlampen in Form von Minilichtleitern, individuell ansteuerbare Mikrolicht-Technologie, dazu ein Glaserfaserkabel in Form eines Lichtbands als Dachkonturbetonung im Cockpit verstärken. Lampen außen im Einstiegsbereich zeigen Heimkehrern den Weg. Mit einer Beleuchtung am Heck des Reisemobils schaffen sie bei Bedarf einen Lichtvorhang ums Fahrzeug, der von sensorgesteuerten Kameras überwacht wird.

Ein Radio mit CD-Wechsler ist ebenso selbstverständlich an Bord wie eine Navigationsanlage, DVD-Player, ein Monitor für Hecksitzgruppe/Hubbett, ein Soundpaket mit klangvollen Lautsprecherboxen und eine portable HiFi-Anlage von B&O, die auch außerhalb des Fahrzeugs eingesetzt werden kann. Außerdem gibt es universelle Anschlüsse als Schnittstellen für Laptop-, Büro und Unterhaltungselektronik. Kurz, der "All-in-One" war bereits vor mehr als einem Jahrzehnt schon richtungsweisend im Reisemobil-Bau.

Quelle: Gerhard Prien