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Fahrzeuge/Sonstiges

Völlig sinnfrei: Das Wechselkennzeichen

Es hätte alles so schön sein können. Ein Kennzeichen für drei Fahrzeuge, zum wechseln. Ein Wechselkennzeichen eben. In unterschiedlichen Formaten. So, dass sie auf ein Motorrad passen, oder auf ein Cabrio, ein amerikanisches Muscle-Car, einen Geländewagen, einen Reisemobil - oder auf die Familienkutsche. Oder ein Elektromobil. Also auf alles, was Räder und einen Motor hat und was man so im Alltag und in der Freizeit bewegt. Doch dann - kam alles ganz anders.

Der Startschuss für das Wechselkennzeichen ist gefallen, Autofahrer dürfen ab 1. Juli zwei unterschiedliche Fahrzeuge mit einem Nummernschild nutzen. Das Wechselkennzeichen darf nur zwischen zwei Fahrzeugen der EU-Klassen M1 (Pkw und Wohnmobil), L (Motorräder) und 01 (Anhänger bis 750 Kilogramm) hin und her gewechselt werden. Nicht getauscht werden kann beispielsweise vom Pkw zum Motorrad.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer stellt die Einführung des Wechselkennzeichens als "eine kleine, aber wirkungsvolle, bürgernahe Maßnahme" dar. "Wir wollen damit die Nutzung mehrerer Fahrzeuge erleichtern und einen Anreiz zum Kauf eines umweltfreundlichen Zweitfahrzeuges, etwa eines Elektroautos, setzen." Das war wohl auch der ursprüngliche Grund für die Einführung des Wechselkennzeichens. Die Bundesregierung hat bekanntermaßen ehrgeizige Pläne und will bis 2020 eine Million Elektro-Automobile auf deutsche Straßen bringen. Da diese bisher noch teurer sind als vergleichbare Benzin- oder Diesel-Pkw, wollten die Regierenden in Berlin mit dem Wechselkennzeichen einen Kaufanreiz für die Stromer schaffen. Als die ersten Informationen über das geplante Wechselkennzeichen bekannt wurden, war die Freude bei den Besitzern von Old- und Youngtimern ebenso groß wie bei den Eignern von Roadstern und Cabrios, bei Bikern oder Reisemobilisten. Das wäre eine tolle Sache gewesen, im Sommer fix das Kennzeichen etwa vom Familien-Kombi oder vom SUV auf den offenen Zweisitzer oder auf das Motorrad zu klemmen. Und ähnlich wie in Österreich oder der Schweiz das Wechselkennzeichen - bei Steuern und Versicherung - auch monetär günstig wegzukommen. Nun ist aus dem großen Wurf, auf den viele gehofft hatten, nicht mal ein klitzekleines Würfchen geworden.

Ab Mitte des Jahres geben die örtlichen Zulassungsstellen die Wechselkennzeichen aus. Die Verwaltungsgebühren je Zulassungsantrag liegen bei rund 65 Euro, für zwei vollständige Nummernschildsätze sind rund 40 Euro fällig. So weit, so gut - bis hierher gäbe es wenig zu kritisieren. Schade ist allerdings schon mal, dass es nur um zwei Fahrzeuge geht - und nicht um drei, wie etliche Automobil-und Motorrad-Begeisterte gehofft hatten. Mehr als schade ist, dass der Finanzminister sich nicht auf steuerliche Vergünstigungen einlassen wollte. Bei der Kfz-Versicherung darf man vielleicht beim ein oder anderen Anbieter noch auf ein paar kleine Vorteile hoffen. Das Wechselkennzeichen darf nur an jeweils einem Fahrzeug geführt werden. Diesen Fakt können, so heisst es, die Versicherer bei der Bemessung der Versicherungsprämie berücksichtigen. Ob die Konditionen für die Versicherungskennzeichen letztlich wirklich als "attraktive Versicherungsbeiträge" beschreibbar sein werden, muss sich erst noch zeigen.

Ein Teil des aus zwei Teilen bestehenden Wechselkennzeichens verbleibt am Fahrzeug, ein zweiter, aufsteckbarer Zusatzteil sorgt dafür, dass das Fahrzeug auf der Straße genutzt werden darf. So trägt nur das Fahrzeug, das am Straßenverkehr teilnimmt, ein vollständiges Kennzeichen. Das andere Fahrzeug ist durch das fehlende Zusatzteil als solches erkennbar. Dieses andere Fahrzeug darf weder im öffentlichen Straßenverkehr bewegt werden und darf dort auch nicht parken. Das zweite Fahrzeug muss daher auf einem privaten Grundstück abgestellt werden.

Damit ist klar, dass ein Wechselkennzeichen für Fahrzeughalter, die bisher einen Zweitwagen zugelassen haben, wohl nur in wenigen Fällen eine echte Alternative sein dürfte. Denn bei zwei regulär zugelassenen Fahrzeugen dürfen beide sowohl am ruhenden als auch am bewegten Straßenverkehr teilnehmen. Das heisst, Vater kann auf die Arbeit fahren und Mutter bringt zeitgleich die Kinder in die Schule. Oder die Eltern begeben sich am Wochenende mit dem Sportwagen oder Cabrio auf eine Spritztour, während der Nachwuchs Freunde besuchen kann. Sprich: Beide Fahrzeuge können parallel bewegt werden - das ist mit einem Wechselkennzeichen nicht drin. Es wird zwar zwei Fahrzeugen zugeteilt, kann aber zur gleichen Zeit nur an einem geführt werden. Warum sollte ein halbwegs klar und rational denkender Mensch zu einem Wechselkennzeichen greifen? Zu einem Kennzeichen, mit dem er bei der Steuer nix und bei der Versicherung - wenn überhaupt - nur wenig spart gegenüber zwei normal zugelassenen Fahrzeugen? Und wenn er bei (wenn überhaupt) kaum höheren Kosten zwei Fahrzeuge parallel betreiben (lassen) kann, von Partner oder Partnerin, von Kind, Enkel, Freunden? Und wenn er den zweiten, gerade nicht mit dem Zusatzteil des Wechselkennzeichens versehenen Wagen nicht auf Privatgelände oder in die eigene Garage schaffen muss, sondern diesen im öffentlichen Verkehrsraum stehen lassen darf. Es hätte so schön sein können … und man hätte auch Geld gespart. Ja, wenn man es so gemacht hätte wie in Österreich oder der Schweiz. Dort bezahlt man bei einem Wechselkennzeichen Steuern und Versicherung für das größere - und damit "teurere" Auto. Und für das zweite Auto nichts - in Österreich dürfen sogar insgesamt drei Mobile mit einem Wechselkennzeichen betrieben werden. Klar ist, man darf nicht mit beiden (oder allen drei) Autos gleichzeitig fahren, sondern immer nur mit einem. Fragt sich, warum man eine solche Lösung nicht auch in Berlin hinbekommen hat. Das Wechselkennzeichen hätte dann eine Chance gehabt, wenn es zu deutlichen finanziellen Einsparungen - gegenüber zwei regulär zugelassenen Fahrzeugen - geführt hätte. Es hätte ein halbwegs großer Wurf sein können, wenn das, was in den Anfängen gut gemeint war, auch gut umgesetzt worden wäre. Aber wie so oft im Leben ist gut gemeint eben nicht gut gemacht. Es ist im Gegenteil herrlich bescheuert. Heraus gekommen ist ein Kennzeichen, für das man zweimal zur Zulassungsstelle marschieren und den Papierkram abarbeiten muss. Ein Kennzeichen, bei dem für zwei Autos Steuern und Versicherung zu bezahlen sind. Kurz, Papierkram und Kosten für zwei Fahrzeuge - von denen man immer nur eines fahren darf - und den anderen auf Privatgelände oder -Garage abstellen muss. Sinnloser geht's kaum. Es ist kaum damit zu rechnen, dass aus dem Wechselkennzeichen noch was halbwegs Gescheites wie in Österreich oder der Schweiz werden wird. Eher damit, dass in ein paar Jahren eine gute Idee still und leise zu Grabe getragen wird. Einfach deshalb, weil sie schlicht granatenmäßig sinnfrei umgesetzt wurde.

Gerhard Prien