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Fahrzeuge/Paradiesvögel

VW Bus ERL

Back to the roots

Zurück zu den Wurzeln: Den Mini gibt es ebenso in Neuauflage wie den Käfer, der jetzt auf Neudeutsch „New Beetle“ heißt. Das Ganze nennt sich Retro-Design, und funktioniert – nicht nur im automobilen Sektor – mehr oder weniger erfolgreich. Auch beim guten alten VW Bus könnte der Ansatz funktionieren – wen er technisch ein wenig „aktualisiert“ werden würde. Etwa so wie bei dem Bus, mit dem das Electronics Research Laboratory (ERL) von Volkswagen in Palo Alto, Kalifornien, einen Blick in die Zukunft wagt. Das Fahrzeug bietet jede Menge High-Tech, verpackt in Gestalt eines guten alten Bekannten aus den 1960-er Jahren: Im Samba-Bus.

Rein äußerlich zeigt sich der Bus, der noch auf dem ersten Transporter von 1950 basiert, gut in Form. In „alter“ Form. Seine inneren Werte weisen jedoch ganz eindeutig in die Zukunft. Gerade die Amerikaner verbindet mit dem Samba-Bus - oder auch „21 Window-Bus“, wie er dort liebevoll genannt wird - eine ganz besondere Beziehung. Der Samba-Bus prägte eine ganze Generation von Amerikanern, er steht für die Zeit der Hippies, freie Liebe, Flower-Power, Protest und eigene Lebensart. Gerade in Kalifornien ist der Samba Symbol für die Motorisierung der jungen – oder jung gebliebenen – Amerikaner. Und schon beinahe ein Synonym für Freiheit, Spaß und Freunde am Leben. Konventionen wurden gebrochen, die Menschen genossen die Lust am Leben. Für sie war der Samba-Bus nicht „einfach nur“ ein Auto, er war beinahe ein Teil der Familie. Und obendrein ein Freund, ein Kumpel, der alles mitmachte. Er kam mit zum Surfen oder Campen, zu Musik-Festivals und Konzerten, und er war ein treuer Begleiter auf allen Wegen. Er war ein Auto, das man liebte. Und mit - und in - dem man reiste, lebte und liebte.

Genau jene Gefühle will das ERL unter dem Motto „Hidden Technologies“ ins (nicht mehr ganz sooo) neue Jahrtausend transferieren. Mit einem Samba-Bus, der erst auf den zweiten – und genauen, forschenden - Blick preisgibt, mit welcher Fülle an technischen Raffinessen er ausgestattet ist. Versteckte Technologien eben, nicht sofort sichtbar.

Gegründet wurde das nordamerikanische Electronics Research Laboratory (ERL) des Volkswagen Konzerns 1998 im kalifornischen Palo Alto, also inmitten des Silicon Valley. Erklärte Aufgabe des Labors: Es soll potenzielle Technologien frühzeitig erkennen, rasch zur Serienreife bringen und so die Entwicklung des „intelligenten“ Autos der Zukunft beschleunigen. Das Team des Wissenszentrums für Elektronik besteht aus Ingenieuren und Designern. Sie fungieren als „Trendscouts“ und arbeiten eng mit den entsprechenden europäischen Entwicklungsabteilungen des Mutterhauses zusammen. Ihre Technologie-Früherkennung, Forschung und Vorausentwicklung soll zu innovativen Neuheiten führen, mit denen sich – so das Ziel des Konzerns - die Produkte von VW vom Wettbewerb absetzen können.

Das ERL engagiert sich in unterschiedlichen Technologiebereichen, beispielsweise bei Fahrer-Assistenzsystemen, der Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation sowie bei innovativernInfo-und Entertainment-Modulen. Zur Erfüllung seiner Aufgaben nutzt das Elektronik-Forschungslabor Synergien aus interner Kompetenz und Kooperationen mit externen Forschungsgruppen, innovativen Start-up-Unternehmen und führenden US-Universitäten.

Von außen schaut der Samba so aus, als hätte er gerade erst die Ausstellung eines Volkswagen-Händlers im Jahre 1964 verlassen. Sauber und rostfrei, ein verdammt gepflegter Oldie, sehr gut in Schuss. Auf den ersten Blick zumindest. Innen überrascht der Bus hingegen mit einer wahren Flut an Innovationen in Sachen Audio, Video, Sensorik, Navigation, Licht- und Solartechnik. Volkswagen behauptet, es habe noch nie zuvor so viele verschiedene Projekte vereint in einem einzigen Fahrzeug gegeben. Mehr als fünfzehn innovative Ideen, so sagen die Wolfsburger, wurden in dem Bus, der auf den Namen „Chameleon“ getauft wurde, umgesetzt. Chameleon wohl auch deswegen, weil der Bus eindeutig zwei Gesichter hat. Das des Oldtimers aus dem Jahre 1964, und das des High-Tech-Trägers, in dem sich das Neueste aus dem Silicon Valley verbirgt.
Gerade bei den Kaliforniern wird Umweltschutz und Umweltbewusstsein heute ganz groß geschrieben. Um diesem Anspruch gerecht zu werden entschied sich VW, den Chameleon ausschließlich mit einem Elektromotor zu betreiben. Seine Energie erhält der Motor aus im Boden des Fahrzeuges verbauten Lithium Polymer Batterien und durch Solarzellen auf dem Dach.

Im Innenraum hat sich der Chef, der Ingenieur Dr. Carlo Rummel, mit seiner Crew mal so richtig ausgetobt. Der Leiter des ERL, der 2002 mit dem weiteren Ausbau des Instituts begann, surft gerne und hat (wie es heißt) eine große Vorliebe für Oldtimer. Mit und in dem Samba wollte Rummel zeigen, was im ERL alles so entwickelt werden kann. Und er wollte wohl auch beweisen, dass sich selbst hochmoderne Technik sogar in einem Oldtimer diskret „verstecken“ und unterbringen lässt. Um den Beweis für diese These anzutreten, griff er mit seinem Team richtig in die Vollen.

Die alte Tachoeinheit flog aus ihrem angestammten Platz im Armaturenbrett. Ersetzt wurde sie durch ein hochmodernes digitales Rundinstrument. Dieses übernimmt die Aufgaben aller „alten“ Anzeigen. Und, man ahnt es schon, mit dem neuen Kombi-Instrument kann man weitaus mehr anstellen als sich nur über die gefahrene Geschwindigkeit – oder die Drehzahl des Motors – zu informieren. Man kann sich beispielsweise das Fernsehbild der Heckkamera beim Einparken anzeigen lassen.
Die Weitwinkelkamera lässt die Wahl zwischen vier verschiedenen Einstellungen der Kamera, beim Einparken gibt es also keinen toten Winkel mehr.

Oder man betrachtet auf dem Kombi-Rundinstrument im Armaturenbrett die Online-Navigation mit detailgetreuer 3D-Darstellung, deren Satellitenbilder über Google Earth geliefert werden. Oder die aktuellen Einstellungen der HiFi-Anlage, die unter anderem auch über einen MP3-Player mit Spracherkennung verfügt. Zur Steuerung all dieser netten Features dient ein in der Mitte des Lenkrads installiertes „Click-Wheel“, dem des Apple iPod abgeschaut. Einer neuen Bestimmung wurde auch das alte Mittelwellenradio zugeführt. Mit dem Regler für die Sendereinstellung können heute das Sound- und Kommunikations-System des Busses gesteuert werden. So kann man beispielsweise – wenn man denn will - mit den Passagieren der dritten Reihe eine Unterhaltung über Mikrofon und Lautsprecher führen.

Überhaupt wurde dem Samba eine ganze Menge netter Unterhaltungstechnik spendiert. So kann zum Beispiel das Heckfenster zur Leinwand eines Open-Air-Kinos verwandeln. Möglich macht das so genanntes „switchable glass“. Das ändert seine Lichtdurchlässigkeit auf Knopfdruck, von durchsichtig und transparent auf undurchsichtig. Möglich machen das Flüssigkristalle, die in der Scheibe stecken und durch Stromzufuhr „umklappen“. Doch nicht nur im Freien kann man sich durch Chameleon bestens unterhalten lassen. Auch im Fond sitzend kann man genießen, denn im Samba ist hinter den vorderen Sitzen eine Heimkino-Anlage mit ausfahrbarer, riesiger 80 Zoll Leinwand installiert. Eigentlich wäre es im Bus durch seine 21 Fenster für Video- und TV-Genuss viel zu hell. Doch auch dieses Problem war in den Griff zu kriegen, mittels der Sony ChromaVue High Contrast Technik. Sie wurde extra für helle Räume entwickelt und soll gute Kontraste bieten, auch bei hellem Tageslicht.

Damit es auch draußen – und bei Dunkelheit – was zu sehen gibt bekam der Samba Heckleuchten und Blinker in LED-Technik spendiert. Und auch die Frontscheinwerfer arbeiten, bei Abblend- und Fernlicht, mit LED-Leuchten. Die Lampen sind heller als üblich und sollen ein ganzes Autoleben lang halten. Außerdem können sie durch ihre kleine Bauweise in beinahe jede beliebige Form gebracht werden, womit sich völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten – beileibe nicht nur für Oldtimer – ergeben.

Selbst an ein typisch amerikanisches Zubehör hat man beim ERL gedacht, an den „bumper sticker“, also den Aufkleber für die Stoßstange. Beim Chameleon besteht der Sticker auf dem hinteren „bumper“ aus einer sehr feinen, stoßfesten und biegsamen Folie, auf der – wie auf einem Bildschirm – Schriften und Symbole dargestellt werden können. So kann der Fahrer dem nachfolgenden Verkehr Informationen über seine Gemütslage, seine Vorlieben oder Abneigungen, oder schlicht über sein Fahrzeug zukommen lassen.

Damit ein Fahrzeug mit solch vielen Goodies nicht so schnell im fremde, unbefugte Hände gerät, haben sich Dr. Rummel und sein Team eine ganz besondere Lösung einfallen lassen. Denn der Samba verfügt über ein neuartiges Schließsystem, das ganz ohne Schlüssel funktioniert, sondern Handflächen scannt. Das dazu notwendige Handlesegerät befindet sich in der Tankklappe. An den Handlinien erkennt das System wer den Wagen öffnen darf. Oder den Bus sogar fahren darf. Und entriegelt, bei „korrekten“ Handlinien, das Fahrzeug – oder hält es, für nicht Berechtigte, eben weiter verschlossen. Bis wir all diese netten kleinen Helferlein in einem Serienfahrzeug erleben können wird es wohl noch einige Zeit dauern.

Quelle: Gerhard Prien