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Fahrzeuge/Oldies

Oldtimer & Winter

Der Schnee, die Wissenschaft, die Oldtimer

Was würden wir ohne Wissenschaft machen? Wir wüssten nicht, wie es auf dem Mond aussieht – wir wüssten nicht, dass eine „Alien“-Mikrobe sich nicht nur von hochgiftigem Arsen ernährt, sondern dieses auch in seinen Stoffwechsel und sogar in seine DNA einbaut. Entdeckt wurde die Mikrobe im Mono Lake in Kalifornien. Entdeckt hat die Wissenschaft auch, dass Gerüche Erinnerungen aktivieren können. Und dass umgekehrt auch die Erinnerung an ein Ereignis die Gehirnregion für Gerüche aktivieren kann. Was Liebhaber von Old- und Youngtimern ja schon längst wussten – auch ohne Wissenschaft.

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Viele werden sich an den Geruch von Leder erinnern – vornehmlich all jene Zeitgenossen, die einen britischen Klassiker ihr Eigen nennen. Vielleicht einen Jaguar, einen Aston Martin, oder einen Daimler. Nein, kein Fahrzeug mit dem Stern aus Stuttgart. In der Schwabenmetropole „schafft“ man zwar „beim Daimler“, aber Daimler ist die älteste Automobilfirma Großbritanniens. Seit 1960 gehört Daimler zu Jaguar und bezeichnet, mit wenigen Ausnahmen wie dem SP 250 und der Daimler Limousine, „nur“ noch Jaguars mit verfeinerter Ausstattung. Die dann besonders gut riechen.

Die Kisten, die wir früher, vor Jahrzehnten, während der Ausbildung oder des Studiums gefahren sind, die rochen anders als die Pkw heute. Bei den, euphemistisch formuliert, preiswerten Gebrauchtfahrzeugen wie VW Käfer, (beinahe jeder in meinem sozialen Umfeld hat seine automobile Laufbahn mit dem Krabbeltier aus Wolfsburg begonnen, woraus der geneigte Leser bereits erste Rückschlüsse auf mein Baujahr ziehen kann), Citroen 2 CV, Renault R4 oder R5, rochen es im Fahrgastraum eher wenig(er). Schließlich riecht nacktes Blech ja kaum. Gerochen hat es im Innenraum meist nach selbstgedrehten Zigaretten, mit – und ohne – pflanzliche Zusätze.. Da bewährte sich seinerzeit das weit öffnende Rolldach der Ente – oder des Fiat 500. Auch wenn der verflixt klein war. Vier Leute in der Kiste, das war schon recht kuschelig. Erheblich mehr Raum bot schon der R4 – mit dem ließen sich sogar die Semesterferien im Süden verbringen. Ein besonders glücklicher Kumpel durfte seinerzeit schon seine Freundinnen mit dem Karmann Ghia kutschieren. Der damals allerdings nicht als Auto für „echte“ Männer durchging. Da galt ein Healey Sprite, ein Froschauge, oder ein MG, schon eher was. Richtig maskulin waren Motorräder – früher von der männlichen Jugend (da hat sich im Laufe der Jahre offenbar einiges geändert) gerne und reichlich bewegt. Nur eben nicht im Winter. Da war dann selbst der Wolfsburger Dauerläufer beliebter. Und mit Heckmotor und Heckantrieb kam der Käfer auch recht gut durch Eis und Schnee. Blöde war nur, dass die Heizung des VW mit seiner charakteristischen rundlichen Karosserieform noch schwächer war als seine Motorleistung. Da froren immer wieder mal Züge ein, Heizbirnen rosteten durch. Eiskratzen, auch von innen, gehörte also zur Standardübung auf dem Weg zur Disco in der benachbarten Großstadt. Ebenso der Versuch, Teelichter so zu platzieren, dass wenigstens ein kleines Guckloch im Bereich der Frontscheibe frei blieb. Meist waren die Versuche – leider – nicht vom erwünschten Erfolg gekrönt.

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Damals war, wie allgemein und sattsam bekannt, ja alles besser: Das Spielzeug war aus Holz, selbstverständlich pädagogisch wertvoll und der Winter noch ein echter Winter. Also gab es auch richtig Schnee, hier in den Orten zwischen Eifel und Rheinland. Ab und an blieb man dann im jugendlichen Übermut mit seinem Fahrzeug auch mal stecken. In einer Schneewehe etwa. Was nicht besonders tragisch war, schließlich half man sich ja in solch misslichen Situationen wechselseitig. Frei nach dem Motto „schlepp’ ich Dich heute, schleppst Du mich morgen.“ Selbst in der Eifel kommt ja immer wieder mal ein Auto vorbei. Hilfestellung gab es nicht nur bei der Befreiung eines festgefahrenen Fahrzeugs aus Schneeverwehungen. Nein, auch dann, wenn mal wieder eine altersschwache Starterbatterie ihren Geist endgültig aufgegeben hat oder nicht mehr genug Kraft und Saft zum Anlassen hatte. Da wurde dann eben angeschleppt oder angeschoben – oder per Starthilfekabel der gestrandete fahrbare Untersatz wieder flott gemacht. Abschleppseil und Starthilfekabel hatten wir immer an Bord, ebenso eine kleine Schneeschaufel, Besen und Eiskratzer.

Heute stehen unsere modernen Fahrzeuge in den Garagen oder am Straßenrand unter der Laterne. Nicht – wie früher – nur mit UKW ausgestattet, sondern auch mit ABS, ESP und ASR. Und etlichen anderen technischen Errungenschaften mit drei Buchstaben. Obendrein gibt es Klimaanlage, Frontscheibenheizung, beheizte Sitze, selbst beheizte Lenkräder. Ganz zu schweigen von Standheizungen, oder Warmluftdüsen an den Kopfstützen. So gerüstet, sollte ein modernes Fahrzeug für alle winterlichen Unbillen gerüstet sein. Seltsam nur, dass heutzutage schon bei ein paar Zentimetern Schnee auf den Straßen nichts mehr geht. Da haben sich die Straßenmeistereien und Kommunen, wie stolz in den Medien verkündet wird, nach dem harten Winter im vergangenen Jahr mit ausreichend Streusalz eingedeckt. Und schon ein paar Tage später hören und lesen wir von gut über 300 Kilometern Stau auf deutschen Autobahnen – und davon, dass einige Kommunen nur noch Hauptstraßen streuen, manche Straßen werden sogar nicht mehr geräumt. Macht nix – damals ging es ja auch. Also warum sollte man nicht auch heute so fahren wie früher – und mit den Fahrzeugen von früher? Kein Old- oder Youngtimer ist dazu verdonnert, sein Dasein in der kalten Jahreszeit in der Garage zu verbringen. Für den Weg ins Büro ist er vielleicht zu schade. Aber eine Tour durch frischen Schnee, das hätte doch was. Vielleicht in einem offenen Roadster, mit Fliegerjacke, Mütze, Schal und Handschuhen. Oder mit dem Käfer. Oder dem Skoda. Oder der Ente, mit ihren Pizzacutter-Rädchen. Einen Sandsack in den Kofferraum, bei „Heckschleudern“. Für bessere Traktion. Beim Käfer sparen wir uns sogar das Abkleben des Kühlers – haben wir früher ja gerne gemacht, bei Fahrzeugen mit wassergekühlten Motoren. Damit sie besser auf Betriebstemperatur kommen.

Also, warum nicht. Schlüssel holen, ab in die Garage. Chocke ziehen (ja, liebe Kinder, so was gab’s früher), und dann langsam raus aus der Ortschaft. Am besten am Sonntag. Wenn wenig Betrieb ist auf den Straßen, ganz früh, wenn alle noch schlafen. Am Anfang, für ein paar hundert Meter, ruckelt der Motor noch. Klar, alles kalt. Aber die Straßen sind frei – nicht von Schnee, aber von anderen Fahrzeugen. Deren Besitzer treibt es an einem sonntäglichen Wintermorgen noch nicht so früh aus den Federn. Kein Stau, also auch keine Sorge, dass die Kiste irgendwann an einer roten Ampel schlapp macht. Aber wir haben das Ortschild ja eh fix hinter uns gelassen, fahren über Nebenstraßen. Langsam läuft der Motor rund, kommt auf Temperatur. Die Heizung fördert warme Luft in den Innenraum. Na also, geht doch. Und das Knirschen der Räder auf dem Schnee, Mensch, das hat was. Schon lange nicht mehr so deutlich und klar gehört, in einer der modernen Kisten. Die sind eben verdammt gut schallisolliert mittlerweile. Das war früher anders – aber „normal“. Genauso wie die kleinen Scheibenwischer, die sich mühen, ein doch eher begrenztes Sichtfenster freizuschaufeln. Aber man kann genug sehen, etwa die Schilder mit der Aufschrift „Hier wird nicht gestreut“. Genau das sind die Straßen, die jetzt gefragt sind. Streusalz ist ja nicht das, was man seinem gepflegten Oldtimer gerne antut. Welch ein Glück, dass den meisten Kommunen das Salz schon (wieder) ausgeht – und nicht mehr alle Straßen gestreut werden.

Es ist Sonntag, während diese Zeilen geschrieben werden. Es hat geschneit – ungewöhnlich viel für unsere Region. Den ganzen Nachmittag über. Ich sollte morgen mal in die Garage gehen. Und mal nachsehen, ob der Jeep noch startet oder ob die Batterie geladen werden muss. Die Handschuhe hab’ ich ja eh schon aus dem Schrank geholt. Die Lederjacke hängt noch an der Garderobe, das Motorrad ist ja erst seit November „eingemottet“. Wäre doch gelacht ... okay, mit den Flattertüren könnte es etwas frisch werden. Aber was soll’s. Hat uns doch früher auch nicht gestört.

Und, übrigens, ach ja, was die Wissenschaft uns auch noch lehrt: Pfirsich Melba ist zwar ein Klassiker – aber kein Oldtimer.

Quelle: Gerhard Prien