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Fahrzeuge/Oldies

Jaguar E-Type

Der Katzen-Hammer

Ein halbes Jahrhundert Jaguar E-Type

Er ist ein durch und durch britisches Auto. Und eine rollende Legende. Ebenso wie ein Land Rover Defender, ein Morgan, ein Mini oder ein Range Rover. Die Rede ist vom eleganten Jaguar E, dessen Weltpremiere ein rundes halbes Jahrhundert zurück liegt. Eine Zeitspanne, die man dem „E-Type“ absolut nicht ansieht.

Bei Jaguar sucht man Mitte der 1950-er Jahre nach einem Nachfolger für die etwas angejahrten XK-Sportwagen. Der Straßensportwagen, der XK 150 S, kommt langsam in die Jahre. Im Dezember 1956 bekommt der Designer Malcolm Sayer von William Lyons, dem Jaguar-Chef, den Auftrag für die Entwicklung des Nachfolgers der XK-Baureihe. Der Zeitpunkt markiert die Geburt des legendären E-Types. Eine Vorgabe ist die Verwendung technischer Komponenten aus dem D-Type. Der ist im Motorsport recht erfolgreich. Und da die neu zu entwickelnde Katze stärker und schneller als je ein Jaguar zuvor sein soll, bietet sich der D-Type als technische Basis an. Herauskommen sollte schließlich ein Sportwagen mit Straßenzulassung und tourentauglichen Eigenschaften. Der Jaguar E-Type wird zum Kultmodell und einem der berühmtesten Sportwagen aller Zeiten.

Designer Sayer arbeitet schnell. Die ersten Testfahrten mit dem jetzt offiziell E-Type genannten Sportlers gehen bereits im Mai 1957 mit dem ersten Prototyp über die Bühne. Im Jahr darauf zeigt der E 2 A, ein zweiter Prototyp, bereits die faszinierenden, endgültigen Formen des E-Type.

In einen vom D-Type stammenden und mit der A-Säule eines Monocoques aus Stahlblech Gitterrohrrahmen packte Malcolm Sayer Motor und Vorderachse. Die schnittige Front wird dominiert von einer elend langen Motorhaube, die dem E-Type seinen ganz speziellen Look gibt. So schreibt denn auch Fritz B. Busch seinerzeit in einem legendären Testbericht über den E-Type und seine lange Schnauze: „ Ich gehe erst mal um das Auto rum. Das dauert seine Zeit, denn es ist ein langer Weg. Das Auto ist genau 175,38 Inches lang und keinen Inch kürzer. Dabei geht die halbe Incherei für den Motor drauf; es ist ein Motor mit zwei Notsitzen.“ Ähnlich begeistert wie Fritz B. Busch ist man auch beim Museum of Modern Art in New York. Dort kommt, 21 Jahre nach Produktionsende des E-Type, ein stahlblaues Exemplar in die Sammlung.

Erstmals wird der E-Type am 15. März 1961 auf dem Genfer Automobil Salon gezeigt. Bemerkenswert: Das metallicgraue Coupé rollt auf eigener Achse in die Schweiz und trifft mit Testfahrer Bob Berry am Steuer beinahe in letzter Minute in Genf ein. Ein wohl durchaus beabsichtigter Nebeneffekt der Tour mit dem Neuling: Bereits die Anreise aus Großbritannien stellt einen hervorragenden Beweis für die Standfestigkeit des neuen Sportwagens mit der Großkatze als Emblem dar. Obendrein gibt es mit der begeisternden Formgebung des E-Type und seinen ausgesprochen guten Leistungsdaten weitere Gründe für eine positive Resonanz bei den Medien und den Besuchern der Ausstellung. Satte 195 kW / 265 SAE-PS aus einem Sechszylinder-Reihenmotor mit 3,781 ccm Hubraum waren 1961 eine echte Ansage – und mehr als ausreichend, um den meisten anderen Verkehrsteilnehmern das wohlgeformte Heck zu zeigen. Die Spitzengeschwindigkeit: Beeindruckende 240 km/h. Nicht zu vergessen: Der E-Type startet mit – relativ – günstigen Verkaufspreisen. Rund 25.000 D-Mark werden für die offene Version aufgerufen, etwa einen Tausender mehr kostet das Coupé. Die offiziellen Bezeichnungen lauteten auf FHC oder OTS: Fixed-Head-Coupé steht für die geschlossene zweisitzige Ausführung, Open-Two-Seater für den zweisitzigen Roadster. Potenzielle Wettbewerber, etwa der Ferrari 250 GT oder Aston Martin DB4, kosten rund das Doppelte der britischen Raubkatze.

Einen Monat nach der Vorstellung des E-Type in Genf erfolgt im April 1961 auf dem Automobilsalon in New York die US-Premiere. Die Auslieferung der Serie I mit ihren verglasten Scheinwerfern rollt an. 1965 ersetzt ein 4,2 Liter Motor das 3,8-Liter-Aggregat. Sechs Jahre lang bleiben die schicken transparenten Abdeckungen der Scheinwerfer ein Kennzeichen der Serie I des E-Types – bis dann 1967 neue Gesetze in Amerika die Abdeckungen verschwinden lassen. Schon ein Jahr zuvor ergänzen die Briten das Modellprogramm des E-Type um ein 23 Zentimeter längeres und neun Zentimeter höheres Zwei-plus-Zwei-sitziges – ein wenig familientaugliches – Coupé. Längere Türen erleichtern den Zustieg zur Rückbank, optisch ist der 2+2 an größeren Fensterflächen erkennbar. Mit mehr Platz trägt Jaguar den Wünschen der Kunden auf dem US-Markt Rechnung. Die USA sind der wichtigste Markt für den E-Type, die meisten E-Types – fast drei Viertel der gesamten Produktion – gehen über den großen Teich in „gods own country“.

Die Serie II des E-Type mit den vergrößerten Kühleröffnungen, größeren Rückleuchten und den an die US-Normen angepassten Stoßfängern wird von Anfang an in drei Karosserievarianten geliefert. Als Coupe, als Roadster und als 2+2-Sitzer. Die US-Abgasvorschriften sind für drastisch reduzierte Leistungswerte verantwortlich. Gerade mal 138 kW / 187 PS bleiben übrig – das langt nicht (mehr), um im Wettbewerb mit amerikanischen Sportwagen wie Thunderbird, Corvette oder gar AC Cobra zu bestehen. Dem Leistungsmanko will Jaguar mit dem V12 begegnen, der 1971 von Jaguar-Chef Sir William Lyons zur New York Motor Show präsentiert wird. Aus 5,3 Litern Hubraum holt der Motor 200 kW/272 PS. Mit dem 5,3 Liter großen Zwölfender wollen die Briten dem etwas erlahmten Abverkauf des E-Type noch mal auf die Sprünge helfen. Vorgesehen war der V12 zwar als Antrieb des E-Type Nachfolgers – des F-Type. Aber so findet er nun auch noch in der Serie III – für die es nur noch die Karosserie-Versionen Roadster und 2+2 Coupé gibt, beide mit breiteren Rädern und verbreiterten Kotflügeln – des E-Type den Weg unter die wohlgeformte Motorhaube. Den verlängerten Radstand des Coupés bekommt jetzt auch der Roadster – der verliert durch die zusätzlichen Pfunde etwas an Spritzigkeit. Zunächst läuft der Verkauf des Zwölfzylinders auch ganz ordentlich. Aber die Ölkrise 1973/74 mit ihren Auswirkungen geht auch an Jaguar nicht spurlos vorbei. Sir William Lyons geht in den Ruhestand, die Verkaufszahlen der Katze mit der eleganten, langen Schnauze gehen in den Keller. Ihr Kraftstoffverbrauch erscheint als nicht mehr zeitgemäß, der Wettbewerb hat aufgeholt.

Mit einer schwarz lackierten und auf 50 Exemplare limitierten Sonderserie – alles rechtsgelenkte Roadster – verabschiedet sich Jaguar vom E-Type. Am 12. Februar 1975 rollt das allerletzte Exemplar, lackiert im klassischen british racing green, vom Fließband im Werk in der Browns Lane.

Mehr als 72.000 Einheiten des E-Type sind in seiner 14-jährigen Bauzeit produziert worden, genau erreicht er eine Auflage von 72.529 Einheiten. Damit ist er seinerzeit der erfolgreichste Sportwagen aller Zeiten. Nicht schlecht für einen Wagen, für den der Hersteller selbst anfangs einen Abverkauf von nur 1.000 Einheiten erwartete.