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Fahrzeuge/Oldies

Die Emily feiert ihren 100-ten Geburtstag

Immer vorne dabei

Rolls-Royce Motor Cars feiert die wohl bekannteste Kühlerfigur der Welt: Die legendäre „fliegende Lady“, den berühmten „Spirit of Ecstasy“, die seit 1911 den Kühlegrill der Rools Royce Automobile ziert. Im Jubiläumjahr 2011 trägt jeder Ghost und Phantom, der am Firmensitz in Goodwood produziert wird, aus Anlass des 100-ten Geburtstag der geflügelten Dame das legendäre Markenzeichen mit der Inschrift „Spirit of Ecstasy Centenary – 2011“ am Fuß einer jeder Statue.

„Der Spirit of Ecstasy ist möglicherweise das bekannteste automobile Symobol überhaupt, würdevoll und elegant ziert sie den Bug vergangener und aktueller Modelle von Rolls Royce“, so Torsten Müller-Ötvös, CEO Rolls-Royce Motor Cars. „Sie war eine Inspiration für die Gründerväter unseres Unternehmens, ebenso wie für die Fahrzeugbesitzer und Enthusiasten während vieler Generationen.“

Eine ganze Reihe von Veranstaltungen hat die britische Nobelmarke geplant, um den Geburtstag gebührend zu begehen. So wird es am 6. Februar einen Autokorso durch die City von London geben. Es ist der Tag, an dem Charles Sykes das Design seiner Kreation, der ersten aus Metall gegossenen Figur, die in Großbritannien serienmäßig ein Automobil zierte, registrieren und schützen ließ. Rund einhundert aktuelle und historische Rolls Royce Modelle werden durch die Hauptstraßen der britischen Metropole fahren und dabei auch Berkeley Square und Conduit Street passieren, den aktuellen und ursprünglichen Sitz von Rolls-Royce in London.

Bereits 1899 soll sich Lord John Walter Edward Douglas Scott Montagu, 2nd Baron Montagu of Beaulieu, einen Christophorus als Schutzpatron der Autofahrer auf den Kühler geschraubt haben. Seine Liebe gilt den Automobilen. Er besitzt nicht nur eines der ersten in Großbritannien fahrenden Automobile, sondern ist auch mit den Rolls-Royce-Legenden Claude Johnson und Charles Rolls befreundet. Obendrein ist er Herausgeber von „The Car Illustrated“, 1902 gegründet und eine der ersten Autozeitungen.

Für „The Car Illustrated“ arbeitet auch Charles Sykes, ein junger Grafiker und Bildhauer. Den inspiriert Montagus Assistentin Eleanor Thornton zu seinen Werken. Eleanor ist beispielsweise mehrfach „Covergirl“ des Automagazins. Für Lord Montagu, dessen Geliebte Eleanos ebenfalls gewesen sein soll, und dessen privaten Rolls-Royce gestaltet Charles Sykes eine Kühlerfigur. Als Vorbild steht Eleanor Thornton dem Künstler Modell. Sykes schafft „The Whisper“, eine leicht in den Fahrtwind gebeugte Frau, eingehüllt in ein wehendes Kleid. Sie legt den Zeigefinger auf die Lippen, als ob sie „Pssst“ macht. Eine durchaus doppeldeutige Geste. Denn schließlich ist Lord Montagu mit Lady Cecil Victoria Constance verheiratet. Aber die Ehe ist wohl nicht besonders glücklich, Lord Montagu ist wohl in die bürgerliche Eleanor Velasco Thornton verliebt. Er macht sie zu seiner Privatsekretärin. Wohl auch, um die nicht standesgemäße Liebesbeziehung diskret zu verschleiern und dennoch aufrecht zu halten. „Pssst“ könnte für den diskreten Umgang seines Umfelds mit dieser Liaison stehen.

Bis zu dieser Zeit hat noch kein Autohersteller Kühlerfiguren verwendet. Den Kühler krönt meist lediglich ein schlichter Schraubverschluss, er dient zum Einfüllen und zur Kontrolle des Kühlwassers. Die Idee des Lords findet Nachahmer, die Kühlerfiguren werden populär. In ganz Europa widmen sich etliche Firmen der Fertigung der zierenden und oft kunstvollen Skulpturen. Rund 6.000 verschiedene Kühlerfiguren, die anfänglich keine Markenembleme waren, soll es in der Geschichte des Automobils gegeben haben.

Im Jahre 1910 vermittelt Lord Montagu dem Künstler Sykes einen Auftrag von Rolls-Royce. Er soll eine Kühlerfigur gestalten. Und das, obwohl Henry Royce selbst Kühlerfiguren eigentlich nicht mag. Er hält die Figuren, die oft Jux-Motive darstellten, für modischen Firlefanz. Außerdem will er die Linienführung seiner Fahrzeuge nicht gestört sehen. So wird der Auftrag an Sykes angeblich auch vergeben, als er wegen Krankheit nicht im Unternehmen ist. Konsequent lässt Royce an seinem persönlichen Rolls-Royce keine Kühlerfigur montieren. Charles Rolls stirbt 1910 bei einem Absturz als erstes britisches Opfer der Luftfahrt. Er kann die neu geschaffene Kühlerfigur nie bewundern.

Die Figur ähnelt „The Whisper“ – allerdings ohne den „Pssst“-Finger. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn Eleanor Thornton soll wieder Modell gestanden haben. Warum die legendäre Kühlerfigur von Rolls-Royce-Kühlerfigur heute oft „Emily“ genannt wird, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Ursprünglich sollte die Figur „Spirit of Speed“ (Geist der Geschwindigkeit) heißen. Der Name erschien den von Understatement geprägten Briten bei Rolls-Royce als unenglische Prahlerei. So kam die Kühlerfigur zum Namen „Spirit of Ecstasy“ (Geist der Verzückung)

Miss Thornton kommt während des Ersten Weltkriegs am 30. Dezember 1915 im Mittelmeer bei der Versenkung des britischen Passagierdampfers SS Persia durch den Torpedo des deutschen U-Boots U-38 ums Leben. Sie ist mit Lord Montagu unterwegs nach Indien, er überlebte und stirbt 1929 bei einem Unfall.

In Sykes Werkstatt wird jede einzelne Figur im Wachsausschmelzverfahren gefertigt. Die Figur wird dabei zunächst aus Wachs modelliert, dann mit einem Tonmantel umgeben und mit Metall ausgegossen. Dabei wird das Wachs ausgeschmolzen, die Urform geht verloren. So ist jede der galvanisch versilberten Figuren ein Einzelstück, das in den ersten Jahren auch von Sykes signiert wurde. Solche frühe Versionen sind heute gesuchte und hoch bezahlte Sammlerstücke.

Die Karossen der Rolls-Royce werden Ende der 1920-er Jahre immer niedriger. Rolls-Royce gibt 1934 eine knieende Version der Figur in Auftrag, die wieder von Charles Sykes modelliert wird. Sie kommt bis nach dem Zweiten Weltkrieg meist bei den Modellen Silver Dawn und Silver Wraith zum Einsatz. Dann wird wieder die stehende – allerdings verkleinerte – Version genutzt.

Bis 1948 produzieren Sykes bzw. seine Werkstatt die graziöse Göttin für Rolls-Royce. Seither fertigt das Unternehmen die aus einer Nickellegierung bestehenden, legendären Figuren selbst. Rund 1.300 Euro kostet Emily – und kann als Zierde fürs Büro oder die heimische Vitrine erworben werden. Am Fahrzeug verschwindet sie bei heutigen Modellen nach Ende der Fahrt im Rahmen des Kühlers.

Quelle: Gerhard Prien