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Fahrzeuge/Oldies

Der Volkswagen Caddy 1

Eine amerikanische Idee im europäischen Format

Der VW Caddy

Im Jahre 2012 feiert Volkswagen Nutzfahrzeuge gleich zwei Jubiläen: Die Hannoveraner blicken auf 65 Jahre Bulli und 30 Jahre Caddy zurück. Dabei ist der Caddy - eigentlich - sogar noch älter.

Im Jahr 1978 erholt sich die Weltwirtschaft von der Ölkrise und der darauf folgenden Wirtschaftsflaute. Die Konjunktur zieht, bedingt durch diverse Programme, an. In Amerika ist es drei Mal so hoch wie in Europa. Dennoch haben sich die Energiekosten massiv erhöht, in den vergangenen fünf Jahren hat sich der Spritpreis in den USA beinahe verdoppelt. Grund genug für Volkswagen, dem in den USA als „Rabbit“ äußerst erfolgreich laufenden und in Westmoreland / Pennsylvania gebauten Golf einen nützlichen Bruder zur Seite zu stellen.

Der in Wolfsburg entwickelte und noch „namenlose“ Zweisitzer mit Ladefläche wird zunächst als Rabbit Pickup bezeichnet. Seine Karosserieteile kommen aus dem rund vier Autostunden von Westmoreland entfernten Presswerk in South Charleston / West Virginia. Gedacht ist der Golf Pritschenwagen als Mädchen für Alles, etwa für den Einsatz auf den Farmen nahe der großen Metropolen Nordamerikas. Dort herrscht zunehmend Parkplatznot und hier und da droht ein täglicher Verkehrskollaps. In kurzer Zeit erfreut sich der Rabbit Pickup steigender Beliebtheit. Rund 77.000 Fahrzeuge werden in den USA bis zu seinem amerikanischen Produktionsende im Jahre 1982 verkauft. Seit 1981 wird der Golf mit Ladefläche in kleinen Stückzahlen auch in Uitenhage (Südafrika) gebaut.

In Europa taucht der Lastenträger auf Golf-Basis erstmals zum Modelljahr 1983 auf. Im beschaulichen Eifelort Mayschoss präsentiert VW Anfang November 1982 den kleinen Alleskönner in Mayschoss/Eifel internationalen Motorjournalisten. Gebaut wird der für Europa gedachte kleine Pritschenwagen bei der Volkswagen-Tochter TAS in Sarajevo/Jugoslawien. Jährlich sind - nach Anlauf der Produktion – etwa 12.000 bis 15.000 Fahrzeuge für die verschiedenen westeuropäischen Märkte geplant. Durch die Verwendung von Teilen, Aggregaten und Komponenten aus der Golf-Fertigung und vom amerikanischen Pickup sowie von Bauteilen aus der nationalen Fertigung der TAS ist eine rationalisierte Fertigung – und Optimierung der Ersatzteilversorgung – möglich.

Der Golf I wird hierzulande – anders als in den USA - mit runden Scheinwerfern ausgeliefert. Das populäre „Gesicht“ wird für den Rabbit Pickup übernommen. Außerdem spendiert VW dem kleinen Pickup - statt der amerikanischen Chromstoßstangen - die kunststoffverkleideten vom Golf. So steht er als optisch bekanntes, aber dennoch eigenständiges Modell in den Schaufenstern der Volkswagen-Händler – und der Golf in seiner zweiten Generation in den Startlöchern.

Die Bezeichnung „Caddy“ soll für den Verkauf des Wagens in Europa seinen hohen Gebrauchswert als Lieferfahrzeug betonen. An die deutsche Übersetzung - „Golfjunge“ – und damit eine Verwandtschaft zum Golf, dachte man wohl weniger. Schließlich leitet sich der Name „Golf“ auch von der gleichnamigen Strömung im Atlantik, und nicht von der Sportart mit den kleinen weißen Bällen, ab.

Der Caddy bietet als Vertreter der Kompaktklasse eine maximale Nutzlast von 625 Kilogramm und steht damit an der Spitze des Wettbewerbsumfelds. Bodengruppe und Hinterachse sind für das zulässige Gesamtgewicht des Fahrzeugs von 1.625 Kilogramm verstärkt. Der Radstand des Caddy wächst gegenüber um 220 mm auf insgesamt 2.625 Millimeter, das Fahrzeug ist insgesamt 4,37 Meter lang. Die lichte Länge der Ladefläche liegt bei 1,83 Meter, die Breite der Pritsche bei 1,30 Meter. Das Durchlademaß zwischen den Radkästen liegt bei über einem Meter. Die Ladekantenhöhe von gerade mal 640 Millimeter erlaubt ein leichtes Be- und Entladen. Der Wendkreis des Caddy von 11,50 Meter liegt auf Pkw-Niveau.

Aber VW vermarktet den Kleinlaster nicht nur als Arbeitstier, sondern auch als Freizeit-Fahrzeug. Er dient während der Arbeitswoche als Lastenesel für die Firma, am Abend als handlicher und flotter Pkw für die Heimfahrt und am Wochenende zur Gestaltung der Freizeit. Mit ihm lassen sich Fahrräder, Surfbretter oder das Geländemotorrad transportieren. Namhafte Hersteller bieten absetzbare Wohnkabinen an, mit denen der Caddy zum Reisemobil mutiert. Für den gewerblichen Einsatz stehen Plane und Spriegel und ein Hardtop aus GfK in den Preislisten. Ein Verdeckgestell mit wasserdichter Plane macht den offenen Pritschenwagen zum geschlossenen Leicht-Lkw, der knapp drei Kubikmeter Laderaumvolumen bietet. Die Plane lässt sich hinten und an beiden Seiten nach oben schlagen, so ist das Be-und Entladen von mehreren Seiten möglich. Zum geschlossenen Kastenwagen avanciert der Caddy mit dem optionalen Aufbau aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GfK) und oben angeschlagener Klappe aus bruchstabilem Glas oder - für rund 150 Mark Aufpreis – aus GfK. Das im Design der Karosserie angepasste, weiße Hardtop bietet eine lichte Innenraumhöhe von 1.220 Millimeter und kann von hinten durch die Prischenklappe und durch die zusätzliche Aufbauklappe bestückt werden. Ab 1984 gibt es optional für rund 360 Mark eine Dachbox über dem Fahrerhaus. Sie setzt die Linienführung des Kastenaufbaus fortsetzt und hat eine Traglast von 50 Kilogramm. Außerdem sind Einbauten mit Regalen und Zwischenböden realisierbar. In Kombination mit einem Anhänger bis 800 Kilogramm gebremst wird aus dem Caddy ein Lieferwagenzug.

Das Fahrerhaus ist funktionell ausgestattet. Auf Fahrer und Beifahrer warten Einzelsitze mit verstellbaren Rückenlehnen. Die beiden Außenspiegel stammen vom Volkswagen Transporter und erlauben eine gute Sicht nach hinten. Die Ausstattung im Caddy hat Pkw-Charakter und gleicht der des Golfs. Dreipunkt-Automatik-Sicherheitsgurte und verstellbare Kopfstützen, Ablagemöglichkeiten und Kleiderhaken sind ebenso an Bord wie Scheibenwischer mit Wasch-/Wischautomatik, ein dreistufiges Frisch- und Heizluftgebläse und regelbare Instrumentenbeleuchtung. Der passiven Sicherheit dienen Scheibenbremsen vorne, Bremskraftverstärker und ein Bremskraftregler, der je nach geladener Last den Bremsdruck an der Hinterachse regelt und somit ein Blockieren der Hinterräder vermeidet. Zum Pkw-ähnlichen Fahrverhalten trägt das Fahrwerk mit vorderer Einzelradaufhängung und hinterer Starrachse an progressiven Blattfedern bei.

Kundenwünsche sind bestimmend für den Entschluss, den Caddy vom Verkaufsstart an mit einem Ottomotor und alternativ dazu mit einem sparsamen Diesel anzubieten. Eine Rolle spielend dabei auch die Preisunterschiede zwischen Dieselkraftstoff und Benzin sowie die Zulassungsbedingungen und die Verbreitung der beiden Motorenkonzepte in den europäischen Nachbarländern. In Skandinavien, dem Benelux-Raum und in Italien ist der Dieselmotor im Nutzfahrzeug weit verbreitet, der „Rest“ Europas bevorzugt (noh) Vergasermotoren. Bei den Antriebsaggregaten fällt die Wahl auf zwei bekannte Vierzylindermotoren aus dem Wolfsburger Regal. Sie kommen auch im Golf, Jetta, Passat, Santana, Audi 80 und im Transporter zum Einsatz. Volkswagen packt den 70 PS starken 1,5-Liter-Vergasermotor und den 54 PS leistenden 1,6-Liter-Dieselmotor unter die Haube des Caddy. Der Diesel startet gerade auch seinen Einzug in den Motorraum des Transporters. Dort ist der Selbstzünder höchst erfolgreich, jeder zweite Transporter, der vom Band läuft, ist ein Diesel. Eine ähnliche Quote prognostiziert Volkswagen auch für den Caddy. Beide Aggregate sind Reihenmotoren, mit Getriebe und Achsantrieb zu einer Einheit verblockt und quer zur Fahrtrichtung eingebaut. Der Ottomotor bringt es auf eine Höchstleistung von 51 kW bei 5.600 U/min und begnügt sich bei einer Verdichtung von 8,2:1 mit Normalbenzin. Das maximale Drehmoment des Vierzylinders liegt bei 110 Nm (bei 2.500 U/min). In Verbindung mit dem serienmäßigen Vierganggetriebe schafft der Caddy als Pritschenwagen eine Spitze von 150 km/h, er beschleunigt bei halber Nutzlast in 17 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die maximale Bergsteigefähigkeit liegt im ersten Gang und voller Zuladung bei 28,7 Prozent.

Zwei Prozent weniger sind es beim deutlich schwächeren Diesel, er hat eine Leistung von 40 kW bei 4.800 U/min. Sein Drehmoment von 100 Nm liegt aber bereits bei 2.300 U/min an. Damit erreicht er eine Höchstgeschwindigkeit von 135 km/h. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h schafft der Selbstzünder in 23,6 Sekunden. Niedrig ist der Verbrauch. Zu Beginn der 1980-er Jahre setzt er mit 7,4 Litern auf 100 Kilometer Fahrstrecke neue Maßstäbe bei den Kleinlieferwagen, die im Jahr 1991 mit einer Drehzahlabsenkung des Motors auf 4.500 U/min nochmals verbessert werden. Das kostet zwar ein Kilowatt Leistung, spart aber in Verbindung mit dem optionalen Fünfganggetriebe und einer langer Übersetzung einen Liter Sprit auf 100 Kilometer.

Ein Jahr nach seinem Debüt ersetzt Volkswagen den 1,5-Liter-Vergasermotor durch eine stärkere Version mit 1,6-Litern Hubraum, um die Motorenfertigung zu vereinheitlichen. Der neue Registervergaser mit Schubabschaltung senkt den Verbrauch. Der neue Motor leistet 55 kW bei 5.000 U/min und bietet ein maximales Drehmoment von 125 Nm bei 2500 U/min an. Auf Wunsch kann der Motor mit einer Dreistufen-Wandlerautomatik kombiniert werden, sinnvoll beispielsweise bei häufiger Anhängerfahrt. Ein solcher Caddy kostet 14.680 Mark (netto) und ist damit 1.130 Mark mehr als das von Hand zu schaltende Pendant.

VW reagiert 1988 auf die anhaltende Diskussionen um die Umweltbelastung und erweitert das Motorenprogramms um einen Einspritzmotor mit geregeltem Abgaskatalysator. Der 1,8 Liter große Vierzylinder leistet 70 kW bei 5.500 U/min, er stellt ein maximales Drehmoment von 142 Nm zur Verfügung. Damit erreicht der Caddy eine Höchstgeschwindigkeit von 162 km/h, den Spurt von 0 auf 100 km/h erledigt er in 13,4 Sekunden. Serienmäßig ist der stärkste Motor an ein 4+E-Getriebe mit lang übersetztem fünften Gang gekoppelt, optional ist eine Dreistufenautomatik zu bekommen.

Da der Caddy als Lkw zugelassen ist, liegt der steuerliche Jahressatz bei nur 176 Mark. Einmal pro Jahr oder alle 15.000 Kilometer muss der Caddy in die Werkstatt. Auf den kleinen Service, der alle 7.500 Kilometer ansteht, kann der Kunde bei rechtzeitiger Anmeldung beim Händler warten.

Ein Jahrzehnt später gehört der Caddy zum alltäglichen Erscheinungsbild auf Deutschlands Straßen. Seine Klasse erfreut sich steigender Popularität. Eine halbe Millionen leichte Nutzfahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 1,8 Tonnen werden Anfang der 1990-er Jahre in Europa abgesetzt, rund die Hälfte sind Stadtlieferwagen. Im Jahre 1992 besiegelt der Bosnienkrieg das Ende der CKD-Produktion, bis zu diesem Zeitpunkt sind in Sarajevo 94.659 Fahrzeuge vom Band gerollt. Dieser Termin markiert aber noch nicht das Ende der ersten Caddy-Generation. Der kleine Pickup von VW wird bis ins Jahr 2007 noch in Südafrika in seiner alten Form mit modifizierter Front und Einspritzmotoren gefertigt. Insgesamt 34.757 Fahrzeuge kommen in 27 Jahren zusammen, global laufen 207.730 Caddys von den Bändern. Der Verkauf bereits gebauter Caddys erfolgt noch bis ins Jahr 1993.

Quelle: Gerhard Prien