ADVENTUREMEDIA4U

4x4-Fahrzeuge/Pickup-Kabinen

Tischer, Holiday On Ice

Pick-Ups sind in Deutschland – anders als in den USA – eine eher selten anzutreffende Fahrzeuggattung. Absetzbare Wohnkabinen für diese Fahrzeuge sind noch seltener, aber von ihren Besitzern hoch geschätzt. Einer der Pioniere dieser ganz besonderen Art des mobilen Reisens ist die Firma Tischer Freizeitfahrzeuge aus Kreuzwertheim. Die Franken sind mittlerweile seit fast vier Jahrzehnten im Geschäft.

Es ist Freitag, der 10. Februar 1984, zwei Uhr am Morgen. Eigentlich keine Zeit um die man normalerweise (noch) wach wäre. Zwei frontgetriebene VW Caddy mit Tischer Absetzkabinen und ein dritter Caddy, versehen mit Hardtop, stehen windumtost hoch über dem Eismeer auf einem kleinen Felsplateau. Sechs junge Männer können durch das dichte Schneetreiben die Straßenlaternen von Hammerfest, der nördlichsten Stadt Europas, nur erahnen. Die Temperaturen liegen bei rund minus 20 Grad Celsius. Die Gasheizungen sorgen für rein echt angenehmes Klima in den Wohnräumen der absetzbaren Kabinen. Ein ganz besonderer Anlass hat die Männer hierher geführt. Peter Tischer, der Hersteller der Huckepack-Aufbauten, hat mit seinem schwedischen Generalimporteur gewettet: Auch unter den extremen Bedingungen der Polarnacht sind seine Camper, selbst im Norden von Skandinavien, wintertauglich. Punkt. Das gilt es zu beweisen. Also ist das hartgesottene sechsköpfige Team, zu allem entschlossen, für zwei Wochen im hohen Norden Europas unterwegs. Dort, wo Schnee und Eis im Winter zur Tagesordnung gehören. Im Sinne der Sache, und natürlich auch um die Wette zu gewinnen. Keine Frage. Mit einem Service-Caddy als Erkundungsfahrzeug, und den beiden „Wohn“-Caddies hinterher. Glatteis und Schneewehen stellen hohe Anforderungen ans fahrerische Können der Mannschaft. Und an die Basisfahrzeuge sowie die Wohnkabinen. Das Wechselspiel des Nordlichts entschädigt für die Strapazen der Fahrt, die erst knapp 13 Kilometer vor dem Nordkap ein Ende findet. Der Schnee ist dort von einer dünnen Eisschicht überzogen, die Räder wühlen sich tief ein, an ein weiteres Fortkommen ist absolut nicht zu denken. Gewonnen ist die Wette dennoch, das klärt ein Telefonat mit dem schwedischen Importeur. Und noch etwas ist klar: Die Tischer-Kabinen sind winterfest. Selbst unter extremen Bedingungen. Was es zu beweisen galt.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Wie alles anfing

Die Firma Tischer, ansässig in Kreuzwertheim in der Nähe des Mains, wirbt seinerzeit mit dem Versprechen „Wohnkabinen minutenschnell auf- und abzusetzen“ für sein so genanntes Huckepack-System. Auf- und abgesetzt werden die Kabinen vor allem auf Fahrzeuge von Volkswagen, auf die Pritschenversion des VW T2 und T3 oder die Pick-Up Variante des Caddy. Das 1973 von Josef Tischer als Einzelfirma gegründete Unternehmen ist bereits gut ein Jahrzehnt im Geschäft. Der Senior hat ein gewisses Faible für amerikanische Fahrzeuge – möglicherweise rührt daher auch die Vorliebe für Pick-Ups, die auf Deutsch erheblich nüchterner, sachlicher und schlichter als „Pritschenwagen“ bezeichnet werden. Die Besonderheit der Tischer-Mobile besteht darin, dass die Kabinen auch getrennt vom Basisfahrzeug bewohnt werden können. Die Fahrzeuge werden ohne weit eingreifende Änderungen für den Transport der Reisemobilkabinen umgerüstet und sind somit doppelt einsetzbar. Bis 1986 werden nahezu ausschließlich VW-Pritschenwagen als Basisfahrzeuge genutzt. Am 01. Januar 1982 wird die Firma zur GmbH, mit Josef Tischer und Sohn Peter als Gesellschaftern. Josef Tischer bleibt bis Ende des Jahres 1990 Geschäftsführer, zum 01. Januar 1991 avanciert Peter Tischer zum Geschäftsführer und alleinigen Gesellschafter der Tischer Freizeitfahrzeuge GmbH.Wohnkabinen für Pick-Ups nehmen unter den Freizeitfahrzeugen eine Sonderrolle ein. Sie sind weder Wohnwagen noch Reisemobil, verbinden jedoch die Vorteile der beiden Fahrzeugklassen. Bei Tischer hat man das recht früh erkannt, und man setzt auf die Vorteile dieser Kombinationen: Bei abgestellter Wohnkabine kann der Urlauber mit dem Pick-Up-Fahrzeug die Flexibilität eines PKW nutzen. Das ist ideal bei längeren Aufenthalten an einem Urlaubsort und üblicherweise eher ein Vorteil, den Caravans bieten. Bei aufgeladener Wohnkabine genießen die Reisenden kompakte Abmessungen und die Autarkie wie in einem Reisemobil, die Kombination ist ohne Einschränkungen für Urlaubsreisen nutzbar. Tischer ist eines der ersten Unternehmen in Deutschland, das diese Vorteile erkennt – und in der Produktpalette den Schwerpunkt konsequent auf Absetzkabinen legt.In den ersten Jahren kommt für die Absetzkabinen vor allem der VW T2 in der Version als Pritschenwagen als Unterbau für die rollenden Behausungen zum Einsatz. Im Auge hat man in Kreuzwertheim auch selbständige Handwerker, die das Fahrzeug außerhalb der Urlaubszeit für ihren Betrieb nutzen wollen. Für die Ferienreise wird die Kabine „aufgehuckelt“ und es kann los gehen. Da das Auf- und Absetzen der Wohnkabine relativ rasch über die Bühne geht, kann der Aufsatz auch „mal eben“ für einen schnellen Wochenend-Trip montiert werden. Mehr Platz, Lebensraum und Ausstattung als ein ausgebauter Kastenwagen bietet die Kabine obendrein. Und so schaffen sich die Mainfranken mit solider, sauberer Verarbeitung und praxisorientierten Grundrissen einen guten Namen, und einen treuen Kundenstamm.
Im Jahre 1979 präsentiert VW den T3, die dritte Transporter-Generation der Wolfsburger. Der Transporter hat an Format gewonnen, hat in Höhe und Breite ein ganzes Stück zugelegt. Die Motorleistung bleibt zunächst unverändert, wahlweise steht der Neue mit 37 kW (50 PS) oder 51 kW (70 PS) zur Verfügung. In den insgesamt elf Jahren seiner Karriere macht der Transporter T3 eine rasante technische Weiterentwicklung durch. Zwei Jahre nach der Premiere arbeitet erstmals ein wassergekühlter Dieselmotor mit vier Zylindern im Heck. Sein Plus ist seine Sparsamkeit. Nur ein Jahr später starten 1982 wassergekühlte Boxermotoren, deren Leistungsvermögen ab 1984 bis 82 kW (112 PS) hinauf reicht und die erheblich temperamentvoller sind als der Selbstzünder. Allerdings auch dem Kraftstoff deutlich heftiger zusprechen als der Diesel. Doch Tischers Kunden freuen sich an – für die damalige Zeit – mehr als ausreichender Leistung.
Schnell: Die erste Wohnkabine für den Caddy kommt von TischerDer VW Bus in der Version als Pritschenwagen bekommt im eigenen Konzern Gesellschaft, gewissermaßen einen kleinen Bruder. Schon 1983, der in Sarajevo gefertigte Caddy ist in Deutschland noch nicht einmal auf dem Markt eingeführt, konstruiert man bei Tischer einen Wohnaufsatz und ein Hardtop für den kleinen Wolfsburger Pritschenwagen. Damit ist Tischer dem Wettbewerb eine gute Nasenlänge voraus. Die Wohnaufbauten sind praxiserprobt, wie der Trip des Juniorchefs in Richtung Nordkap der Fachpresse und dem interessierten Publikum deutlich beweist. In den 80er Jahren gibt es (als Option für rund 1.800,- DM, serienmäßig kommt ein Zelt-Hubdach zum Einsatz) noch das Aufstelldach mit seinen isolierten, starren Seitenwänden. Im Stand bringt es Stehhöhe, während der Fahrt einen niedrigeren Aufbau und Schwerpunkt und damit auch einen relativ günstigen Verbrauch. Ein paar Daten für Nostalgiker: Zu Beginn des Jahres 1985 steht eine Camp 2 Kabine in Grundausstattung für den Caddy mit knapp 11.000,- DM in der Preisliste. Das waren noch Zeiten. Für das Geld gibt es ein Bett von 195 x 160 cm, Küchenblock mit Spüle, Kühlschrank und Kocher, Gasanlage, Schränke und Tisch. Im Jahre 1986 wird die Camp 3 für den Volkswagen Caddy deutlich überarbeitet und mit neuem Grundriss versehen. Küchenblock und Schrank liegen nun links, gegenüber befindet sich eine Sitzbank für drei Personen. Das zwei Meter lange Doppelbett bleibt im Alkoven. Weg fällt das vorne angeschlagene Aufstelldach mit Zeltbalg – zu wenig Interesse beim Kunden. Der entscheidet sich lieber für die isolierten, starren Seitenwände. Die sind eben doch wintertauglicher.

Text: Gerhard Prien
Bild: Tischer, U. Hollenbacher