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G-Klasse Showcar AMG G 63 6x6

Sechs sells: Showcar G 63 AMG 6x6

Ab und an ist man überrascht, was die sonst doch als so seriös und bodenständig verschrienen Schwaben alles auf die Räder stellen. Ausgerechnet Mercedes zeigt mit dem sechsrädrigen G 63 AMG G 6x6 ein ziemlich durchgeknalltes Vehikel mit - zugegeben - höchst imposanten technischen Daten: Zwei Meter dreißig hoch, drei Achsen, 3,8 Tonnen Gewicht, vier Türen und Sitze, 4,2 Meter Radstand, 5,5-Liter Hubraum, sechs angetriebene Räder, acht Zylinder in V-Form angeordnet, schlappe 400 kW / 544 PS und satte 760 Newtonmeter Drehmoment. Wer hätte gedacht, dass man im Schwabenland so "unvernünftige" Autos bauen kann?

Immerhin, noch hat sich die Firma mit dem Stern nicht festgelegt. Es heisst, dass über die Fertigung einer Kleinserie des Mercedes-Benz G 63 AMG 6x6 noch keine Entscheidung getroffen sei. Man wolle zunächst mal "die Resonanz auf das seriennahe Showcar" abwarten, so heisst es aus Stuttgart. Es bedarf allerdings keiner überirdischen prophetischen Gaben, um dem Wagen weltweit einen durchaus vorhandene Kundenkreis vorherzusagen. Der könnte etwa in den USA beheimatet sein, oder in den ehemaligen Sowjet-Republiken, in China und im Nahen Osten. Sicher nicht zufällig wurde das Showcar erstmals in Dubai präsentiert. Beim ein oder anderen Scheich findet ein Spielzeug wie der Sechsrad-G sicher einen Platz in der geräumigen Garage. Bisher entstanden vom G 63 AMG 6x6 erst zwei Fahrzeuge, entwickelt unter Federführung von Mercedes-Benz.

Sonderlich aufwändig wäre eine denkbare Kleinserie nicht. Denn das Showcar ist im eigentlichen Sinne keine technische Neuentwicklung. Der G wird schließlich seit mittlerweile 34 Jahren gefertigt, da ist der Baukasten gut gefüllt, unter der Karosserie des G 63 AMG 6x6 finden fast ausschließlich Serienteile Verwendung. Der hinteren Doppel-Triebstrang beispielsweise wird für die australische Armee in einer 6x6-Version verbaut.

Alle drei Starrachsen arbeiten autark, der 6x6-G hat also keine Einzelrad-, sondern eine Einzelachsaufhängung. Die Achsen verschränken sich unabhängig voneinander auf dem Untergrund, so ist immer der bestmöglichen Kraftschluss zum Boden gewährleistet. Die beiden Hinterachsen, die bei einem Gesamtradstand von 4.220 Millimetern nur 1.100 Millimeter voneinander entfernt sind, können sich in beinahe abenteuerlichen Winkeln gegenseitig verschränken und auch bei stark konturiertem Gelände jede Traktionsmöglichkeit des Untergrundes nutzen. Das Fahrwerk basiert überwiegend auf dem Serienstand, an die geänderten Rahmenbedingungen des Dreiachsers wurden lediglich die Schraubenfedern und Dämpfer angepasst. Auch bei den Federn bedienen sich die Ingenieure im umfangreichen G-Baukasten, er hält immerhin 15 verschiedene Federkennungen bereit. Während die Vorderachse die verstärkten Federn einer gepanzerten Sonderschutzvariante übernimmt, bekommt die erste Hinterachse deutlich härtere, die zweite Hinterachse eine weichere Federrate verordnet. Zusätzlich verbaut werden Rallye-erprobte, verstellbare Gasdruck-Stoßdämpfer. Die Portalachsen kommen im Unimog und gleichfalls im militärischen Bereich zum Einsatz, sie sind der technische Clou des Showcars, denn die Portalachsen wandern beim 6x6-G erstmals in einem Zivilfahrzeug unter die Karosserie. Im Unterschied zu herkömmlichen Starrachsen befinden sich die Räder nicht auf Höhe der Achsmitte, sondern sie liegen durch die Portalgetriebe an den Achsköpfen wesentlich weiter unten. Damit steigt die Bodenfreiheit auf 460 Millimeter (gegenüber 210 Millimeter beim Serien-G). Die Portalachsen machen obendrein aufwändige Anpassungen überflüssig: Denn durch die unveränderte Lage der Starrachsen zum Chassis bleiben die Anlenkpunkte der Aufhängung, die Anbindung der Lenkung und die Lage der Kardanwellen identisch. Obendrein gleicht die Untersetzung in den Portalgetrieben den Abrollumfang der 37-Zoll-Reifen aus, so können Übersetzungen, Tachoantrieb und ABS‑Sensorik unverändert bleiben.

Der 587 Zentimeter lange Dreiachs-G fällt schon optisch auf. Bis zu den beiden hinteren Türen entspricht seine Seitenlinie dem Serienstand des viertürigen Modells. Damit enden dann aber auch schon die äußerlichen Gemeinsamkeiten. Die Karosserie des Sechsrad-G liegt deutlich höher, über der Windschutzscheibe gibt es eine Sichtkarbon-Blende mit integrierten LED-Lichtleisten, seitlich springen die Trittbretter aus Edelstahl ins Auge. Die lichte Höhe des 6x6 liegt bei knapp 2,30 Meter, die Breite bei gut 2,10 Meter, Kotflügelverbreiterungen aus Sichtkarbon decken die fetten Reifen ab. Dazu gibt es hinter dem viertürigen Fahrgastabteil eine mit hartem und strapazierfähigem Bambusholz ausgekleidete und über eine hintere Ladeklappe zugängliche Ladefläche, die ein markanter Edelstahl-Überrollbügel ziert.

Das dort befindliche Ladegut schafft der G 63 AMG 6x6 auch an Orte, an denen andere Mobile längst kapituliert haben. Beste Voraussetzungen für höchste Geländetauglichkeit schaffen die sechs angetriebenen Räder, eine Geländereduktion, die Portalachsen, fünf während der Fahrt sperrbare 100-prozentige Differenziale und eine während der Fahrt bedienbare, aktive Reifendruck-Regelanlage. Sie variiert den Druck in den üppig dimensionierten 37-Zoll-Pneus. Der Fahrer steuert vom Innenraum aus den Reifendruck für die Vorder- und die beiden Hinterachsen getrennt über Schalter in einer Dachkonsole und kontrolliert ihn per Manometer. Dazu stehen ein leistungsstarker Kompressor und vier 20 Liter große Druckbehältern seitlich in den hinteren Radhäusern zur Verfügung. So ausgestattet erhöht die Anlage in weniger als 20 Sekunden den sandgerechten Luftdruck von 0,5 bar in den sechs Reifen mit einem Durchmesser von einem Meter auf straßentaugliche 1,8 bar. Bei üblichen Rad-/Reifenkombinationen ist bei Fahrten im Sand ein Absenken des Luftdrucks auf ein bar meist die unterste Grenze. Unterhalb dieses Drucks können die Reifen bei Lenkmanövern abspringen, eindringender Sand kann die Dichtfläche zwischen Reifen und Felge unterwandern und so einen schleichenden Plattfuß verursachen. Beim G 63 AMG 6x6 kommen spezielle, zweiteilige 45,7 cm (18 Zoll) große Beadlock-Felgen zum Einsatz. Der Reifen wird bei der Montage zwischen den beiden Felgenhälften und einem inneren Beadlock-Ring so fest eingeklemmt, dass er auch bei völligem Luftverlust nicht von der Felge abrutschen und Sand nicht eindringen kann.

Durch den extrem niedrigen Reifendrücke vergrößert sich die Aufstandsflächen der All Terrain-Reifen (Dimension 37 x 12,5 x18 Zoll) und unterstützt so den Vorwärtsdrang auf losem Untergrund. Die vergrößerten Aufstandsflächen verringern den Bodendruck und damit die Neigung der Reifen zum Eingraben im Untergrund. Der Bodendruck des G 63 AMG 6x6 gleicht - trotz fahrfertigem Leergewicht von 3.850 Kilogramm - dem Fußabdruck eines normalgewichtigen Menschen. Auf "kontaktfreudigerem" Untergrund wie Schlamm oder Morast unterstützt der niedrigen Luftdruck die Selbstreinigung der Reifen, das Profil setzt sich nicht zu. Mit den fetten Reifen meistert der Tatzelwurm auch Wasserdurchfahrten problemlos, die beachtliche Wattiefe liegt bei einem Meter (Serie 600 mm).

Kommt es trotz der mehr als ausreichenden Boden- und Bauchfreiheit mal zu einer unsanften Bodenberührung des Chassis, schützt ein integrierter, robuster, dreiteiliger Unterfahrschutz aus Edelstahl die wichtigsten Aggregate im Front- und Heckbereich und zwischen den Vorder- und den Hinterachsen vor Einschlägen.

Damit die immerhin rund 3,85 Tonnen schwere Fuhre auch ordentlich antritt und abgeht, steckt ein V8 AMG Motor unter der Haube. Der hat, von zwei Turboladern befeuert, eine Leistung von 400 kW / 544 PS. Das Antriebsaggregat bringt es aus 5,5 Liter Hubraum auf ein maximales Drehmoment von 760 Newtonmetern und ist an ein AMG Speedshift Plus 7G-Tronic Automatikgetriebe gekoppelt. Die Ingenieure von Mercedes haben die Momentenverteilung variiert und verteilen das Antriebsmoment nach dem Schlüssel 30 zu 40 zu 30 Prozent zwischen der Vorderachse und den beiden Hinterachsen.

Die Pferchen des Vau-Acht wollen gefüttert werden, in abseits gelegenen Gebieten unserer Welt sind Tankstellen selten und ein üppiger Kraftstoffvorrat ist daher sinnvoll. Der Serientank mit einem Fassungsvermögen von 96 Liter wurde mit einem 63 Liter großen Zusatztank ergänzt, insgesamt gibt es also ein Tankvolumen von 159 Litern. So ist dann schon eine gescheite Reichweite drin.

Damit die Insassen es auch längere Zeit im sechsrädrigen G-Pick-Up aushalten, ging AMG bei der Veredlung des Innenraums in die Vollen. Das Ambiente präsentiert sich - inklusive der Rückwand zur Ladefläche - selbstverständlich in Leder, entweder in classicrot oder hellbraun. Die vier Einzelsitze sind elektrisch verstell- und beheizbar und belüftet, im Fond gibt es eine Mittelkonsole und ein Rear-Seat-Entertainment mit zwei Farbbildschirmen, Alcantara-Verkleidungen zieren den Dachhimmel und die Karosseriesäulen. Bleibt nur die Frage, warum man "beim Daimler" den Wahnsinns-Wagen nicht als Cabrio ausgelegt hat. Das wäre was gewesen, ein viertüriges, sechsrädriges Pick-Up-Cabrio mit V8-Motor. Aber wer weiss, was uns aus der Schwabenmetropole sonst noch so erwartet.
Quelle: Gerhard Prien