ADVENTUREMEDIA4U

4x4-Fahrzeuge/Fernreisemobile

"Wothahellizat" 6x6

Zimmer mit Aussicht

„Wothahellizat“ – oder, auf gut Deutsch: Was, zur Hölle, issn das? Antwort: Ein 35 Jahre alter Armee-Truck. Ein Vierzehn-Tonner, der seinen Dienst als Feuerwehr-Wagen tat. Der Australier Rob und seine Frau Chris kauften ihn 1997. Dann brauchten sie drei Jahre, um daraus das einst wohl größte Off-Road Reisemobil „down under“ zu machen.

Wothahellizat ist eine schräge Mischung aus Allrad-Truck und Wohnmobil, ein Strandhaus gepaart mit einem gehörigen Schuss Mad Max und einer guten Portion Einfallsreichtum, gewürzt mit handwerklichem Können.

Rob Gray arbeitet in den 1970-ern als Fotograf, in den 80-er und 90-er Jahren ist er als Computer-Fachmann tätig. Zwischenzeitlich findet er wieder zurück zur Fotografie, zieht mit der Kamera los. 1997 ist er mit seiner Frau Chris auf einem Camping-Trip unterwegs, Ziel: Frazer Island. Beide erkennen, dass sie die Computerei ziemlich satt haben. Sie wollen zu neuen Ufern aufbrechen. Vier Jahre später besitzen sie ein von Rob selbst gebautes 34-Fuß-Motorhome mit 6x6-Antrieb, mit dem sie kreuz und quer durch Australien reisen. Rob fotografiert wieder, das Tierleben und die Landschaften Australiens.

Werbung

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Drei Kriterien will Rob erfüllt sehen bei seinem Motorhome: Es soll komfortabel genug sein, um längere Zeit (möglicherweise gar Jahre) darin leben zu können. Daraus resultiert eine gewisse Größe des Fahrzeugs. Denn Rob hat es gerne ein wenig bequem. Seine ersten Entwürfe beginnen bei einer Größe bzw. Länge von 24 Fuß. Als er darüber nachdenkt, was er alles unterbringen möchte und wie viel Platz er braucht, um sich ein wenig behaglich zu fühlen, „wächst“ das Motorhome auf seine Länge von 34 Fuß (rund 10,5 Meter – ohne Veranda). Da muss ein Laster als Basisfahrzeug her.

Auch wichtig für Rob: Sein Reise-Fahrzeug soll dorthin kommen, wo bisher kein anderes Reisemobil war. Es muss also Off-Road-tauglich sein – und Allradantrieb haben. Denn viele der schönsten Gegenden Australiens sind nur schwer erreichbar. Die Straßen (so es welche gibt) sind nicht im besten Zustand, ausgewaschen, Löcher im Straßenbelag, eben keine Autobahnen.
Ein Motorhome, das solche harten Bedingungen über einen längeren Zeitraum meistern soll, das muss stabil gebaut sein. Bei „normalen“ Reisemobilen sieht Rob diese Voraussetzungen nicht erfüllt. Er meint (vielleicht nicht ganz zu Unrecht), ein solches Fahrzeug würde sich auf lange Sicht gesehen selbst zerlegen. Dies gilt besonders abseits befestigter Straßen. Da stehen zudem lange Hecküberhänge, eine zu schnelle (hohe) Übersetzung und zu wenig Bodenfreiheit der Geländetauglichkeit im Wege. Rob will Größe und Nutzlast, ausreichende Bodenfreiheit, Allradantrieb, und am besten noch eine Untersetzung dazu.

Die geeignete Basis findet er in einer Zeitung. Das Fahrzeug ist ein International Acco Dreiachser mit gerade mal 12.000 Meilen auf dem Tacho. Der steht gerade mal ein paar Fahrsttunden weg von Canberra, dem (damaligen) Wohn- und Arbeitsrot von Rob. Was ihn noch viel mehr begeistert: Vorbesitzer des Acco ist eine Feuerwehr. Da wurde er in gutem Zustand erhalten, denn eine Feuerwehr darf nun mal nicht auf ein unzuverlässiges Fahrzeug setzen. Und: „In dem Wagen ist kein Computer – wenn da was kaputt geht kannst Du es schweißen oder anderswie mit Bordmitteln reparieren“, sagt Rob. Was kaum nötig ist – denn die International Acco sind für ihre Zuverlässigkeit bekannt. Das rote Mobil ist ursprünglich mal ein Armee-Fahrzeug gewesen, ehe es bei den Floriansjüngern zum Einsatz kam. Rob entfernt die umfangreiche Feuerwehr-Ausrüstung und legt los. Für den Antrieb sorgt mittlerweile ein Perkins 6354 Turbo-Diesel mit sechs Litern Hubraum. Den hat Rob irgendwann mal eingebaut, „weil einfach jeder den Perkins 6354 kennt“. An das Antriebsaggregat des Dreiachsers ist ein synchronisiertes 5-Gang Eaton SMA 475 Getriebe angeschlossen. Sechsrad-Antrieb hat das Teil, permanenten Vierrad-Antrieb an den Hinterachsen und zuschaltbaren Frontantrieb, dazu Untersetzung High/Low. Die ganze Choose ist zweieinhalb Meter breit, und (mit dem Wohnaufbau von Rob) satte vier Meter hoch und 10,5 Meter lang. Auch im Gelände taugt der 6x6, die Bodenfreiheit liegt bei 350 mm unter Differenzialen und bei beinahe überall 500 mm unter dem Chassis. Das langt auch fürs australische Outback. Und das trotz des durch Rob um rund zweieinhalb Meter verlängerten Chassis.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Das Mobil soll autark sein, damit man auch in der Wildnis Australiens Tage, Wochen oder gar Monate (über)leben kann. Und zwar ohne Versorgung von außen mit Strom, Wasser oder Nahrung. Rob macht eine faszinierende Rechnung auf. Er und seine Frau trinken gerne ein oder zwei „stubby“ (eine 375 ml fassende Flasche) Cider. Das bedeutet, zwei Personen mal zwei Flaschen mal 30 Tage sind 120 Flaschen. Die müssen mit. Es wurde ja bereits erwähnt, dass Rob es gerne ein wenig, na ja, „bequem“ hat.
Für Wasser sieht Robs Rechnung folgendermaßen aus. Rund 25 Liter Wasser für ein Duschbad, dazu fünf Liter Wasser pro Person im Outback (wir vergessen da jetzt den Cider mal für einen Augenblick). Dazu kommen noch fünf Liter fürs Waschen, dann sind wir bei 65 Liter am Tag. Das dann mal 30 (für den ganzen Monat) gibt 1.950 Liter für einen Monat. Damit wären wir bei rund zwei Tonnen, was Rob selbst für einen großen Truck doch ein bisschen viel scheint. Andererseits muss man ja nicht jeden Tag duschen, und unterwegs kann es hier und da auch mal Wasser geben. Also rundet Rob großzügig auf eine Tonne Frischwasser-Kapazität ab. Ganz nebenbei erwähnt Rob, sein Fahrzeug sehe zwar so aus, als sei es kopflastig, als würde der Schwerpunkt weit oben liegen. Doch das sei ein Irrtum. Der Schwerpunkt liege relativ tief, da alle Stauräume für schwere Last möglichst weit unten eingebaut wurden. Gleiches gilt für die Versorgungstanks, die alle unterflur sitzen.

Zum Thema Energie: Manche Menschen, sagt Rob, können mit einer einzigen Glühlampe leben. Doch er will ja sein altes Geschäft als Fotograf wieder aufnehmen. Und, das ist ihm klar, dazu gehört die regelmäßige Nutzung eines Satelliten-Telefons, von Computern, Druckern, Scannern. Gasbetriebene Kühlschränke scheinen ihm zu unzuverlässig und müssen mehr oder weniger in der Waagerechten betrieben werden. Rob entscheidet sich für einen Kompressor-Kühlschrank. Und, wie hier und da schon einmal erwähnt, Rob mag es komfortabel. Dazu gehört für ihn auch das Betreiben elektrischer Ventilatoren. Ein Muss aus seiner Sicht, gerade in den wärmeren Regionen Australiens, wo die Ventilatoren wohl Tag und Nacht laufen würden. Na, und bei der Beleuchtung will er auch nicht sparen. Kurz, er möchte, dass sein Motorhome so weit wie möglich einem realen Heim gleicht. Auch bei der Nutzung von Elektrizität oder elektrischen Geräten.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Das sind die groben Vorgaben, mit denen sich Rob ans Werk macht. Drei Jahre wird er insgesamt beschäftigt sein. Er strippt den Feuerwehr-Laster bis aufs Chassis, verlängert den Rahmen, schweißt ein Skelett für den Alkovenaufbau, isoliert die Kabine und beplankt sie außen mit zwei mm starkem Alu-Riffelblech. Das Riffelblech verschließt sogar die großen Fenster des Mobils, mit eigens angefertigten Klappen. So schaut Robs Womo von außen aus wie aus einem Guss, komplett geschlossen sind die Fenster vor Ästen, Steinschlag und anderen Unbillen geschützt. Aufgestellt spenden die Fensterklappen Schatten. Die Kabine schaut sehr technisch, martialisch, sehr industriell aus - hat es aber im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Der Wohnraum ist sehr komfortabel ausgestattet und erinnert eher an ein Strandhaus denn an ein Reisemobil. Der Zugang erfolgt übers Heck, dort klappt, ausgesprochen raffiniert konstruiert, eine Treppe herunter. Die führt auf eine große, überdachte Veranda, in zwei Meter Höhe abzusenken per Elektro-Seilwinde. „Da oben zu sitzen und einen Sonnenaufgang am Ningaloo Riff zu beobachten, unbezahlbar,“ so Rob. Auf zwei Meter Höhe hat man gute Sicht, gute Luft, nette Gesellschaft – die Veranda trägt locker vier Personen, ohne Abstützung. „Und wir können immer draußen sitzen, egal ob es draußen matschig und feucht ist oder ob da hohes Gras steht“. Von der Veranda aus geht es in den Wohnbereich der martialisch aussehenden Kabine. Die ist durch deckenhohe Fenster im Heckbereich hell und freundlich und hat reichlich Platz. „Wenn Du den Motor ausmachst, bist Du überall Zuhause“. Rob kann Lebensmittel und Vorräte für rund drei Monate verstauen, selbst mit dem Wasser kommt er gut einen Monat hin.

Kurz zur Basisausstattung des 6x6-Mobils: Die Kiste hat zwei 300 Liter Dieseltanks, einen 100 Liter Benzintank, für das mitgeführte Motorrad, eine Honda SL 230, die per Elektro-Seilwinde in ihr Staufach rein- und rausgehoben wird. Mit den 600 Litern Diesel schafft Wothahellizat rund 1.800 Kilometer auf der Straße, Off-Road hängen Verbrauch und Reichweite stark vom Terrain ab. Wenn es auch mit 6x6-Antrieb nicht mehr weiter geht, kein Problem: Das Endzeit-Womo hat eine Seilwinde mit zehn Tonnen Zugkraft an Bord, die nach vorne oder hinten ziehen kann. Unterflur sitzen die Frischwassertanks mit 700 Liter Inhalt, Trink- und Brauchwasser verfügen über getrennte Pumpen. 55 Liter fasst der Grauwasser-, 80 Liter der Fäkaltank. Für Warmwasser sorgt ein 23 Liter Fleetwood-Boiler. Unterflur gibt es jede Stauraum und eine ausklappbare Werkbank, falls im Busch mal eine Reparatur anfällt.

Was gibt’s noch: Vier mal neun Kilo Gasflaschen, eine acht mal 64 Watt Solaranlage, einen 3.300 Watt Inverter, 8 mal 220 Ah Akku-Kapazität, 42 Liter Mikrowelle, Dreiflammen-Gaskocher, 240 Liter Kühl- und Gefrierschrank, Notstromaggregat und Kameras, mit denen auch bei geschlossenen Fenstern die Umgebung des Mobils eingesehen werden kann.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Die mittig angeordnete Küche verfügt über zwei Granitspülen, einen Dreiflamm-Kocher und einen Wok-Brenner. Außerdem gibt es einen großzügig bemessenen Sanitärraum mit Dusche und WC. Das „Schlafzimmer“ ist im Alkovenbereich untergebracht, mit Durchgang zum Fahrerhaus. Die beiden Einzelbetten können zu einem Doppelbett verbunden werden. Für Stehhöhe im Schlafgemach sorgt ein hydraulisch aufstellbares Dach mit festen Seitenwänden. Das komplette Fahrzeug ist mit einem Tropendach ausgestattet, das sorgt – in Verbindung mit einer Klimaanlage – für angenehme Temperaturen. Die Fenster im Wohnraum lassen sich auf der ganzen Länge des Fahrzeugs für gute Durchlüftung komplett öffnen.

Nach drei Jahren Bauzeit ist der rollende Alptraum eines jeden deutschen TÜV-Prüfers fertig. Rob und seine Frau Chris Rob rumpeln mit 60 bis 70 km/h durch Australien. „Wenn das langsam klingen sollte, ja, klar – das ist es ja auch. In den ganzen Jahren, die wir durch Australien reisen, gab es nie einen Moment, wo ich schneller unterwegs sein wollte“, meint Rob. Und äußert sich zu den Vor- und Nachteilen seiner rollenden Wohnung. Ein großes Plus sieht Rob in der Sicherheit, die der Wohnaufbau bietet. „Das liegt zum einen an der Höhe der Kabine von gut zwei Metern, und zum anderen wohl auch ein wenig an ihrem Aussehen“, schmunzelt Rob. Seine Partnerin Chris fühle sich selbst für einige Tage und alleine sicher im Fahrzeug. „Zur Not muss sie den Truck nicht verlassen, sie hat ja alles drin“.

Als Problem sieht Rob die schiere Größe seines Mobils. Die schaffe zwar einerseits eine Menge Platz und Lebensraum, es habe aber immer wieder Camp-Grounds gegeben, für die das Fahrzeug schlicht zu groß sei. Und überhaupt sei es auf Campingplätzen oft etwas stressig gewesen – denn dort gab es immer jede Menge Neugierige. Beliebteste Frage: „Hast Du das Ding etwa selbst gebaut“? Robs Lösung für das Problem: „Wir waren einige Jahre nicht mehr auf Campingplätzen“. Am 27. August 1999 startete er zur Jungfernfahrt mit seinem 6x6-Mobil. Sechs Jahre sind er und Chris dann damit gereist, „living on the road“. Dann hat er, von April 2007 bis November 2008, sein Mobil umgebaut. Für Wothahellizat MK 2 hat er das einst verlängerte Chassis wieder gekürzt – und eine neue, kleinere Kabine aufgesetzt. Jetzt hat Rob vielleicht nicht mehr das größte Off-Road Reisemobil „down under“ – aber ganz sicher immer noch eines der verrücktesten. Ein rollendes Strandhaus auf allradgetriebenem Dreiachs-Chassis.

Quelle: Gerhard Prien