ADVENTUREMEDIA4U

4x4-Fahrzeuge/Fernreisemobile

Orangework "gut Holz"

GUT HOLZ

Man muss schon ein wenig angefressen sein, wenn man mit einem Oldtimer in Urlaub fährt. Gerade auch dann, wenn das Mobil mit Baujahr 1964 nicht mehr ganz taufrisch ist. Wenn die rede dann obendrein von einem Laster ist, der es lediglich auf eine heute beileibe nicht mehr berauschende Höchstgeschwindigkeit von 88 km/h bringt, ist bei vielen Zeitgenossen dann endgültig der letzte Rest Verständnis aufgebraucht. Stephan Schmidt schreckt das nicht – im Gegenteil.

Werbung

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Er hat länger nach seinem Magirus, einem Mercur 125 D 10 mit luftgekühltem V6 Diesel, gesucht. Gefunden hat er ihn dann 1994 in einer Zeitung, annonciert von einem Feuerwehr-Museum. Das Museum finanziert den Erhalt seiner Ausstellungsstücke durch An- und Verkauf lebensälterer Feuerwehrfahrzeuge – zum Glück für den Rheinländer Schmidt. Denn der suchte just einen Magirus Eckhauber mit Allrad. Die eckige Front geht bei den älteren Magirus-Lkw mit dem 4x4-Antrieb einher. Denn im Geländeeinsatz kam es zu Verwindungen – die vertrugen die eleganter gezeichneten Rundhauber nicht so gut. Also kam bei den Allrad-Lkw die wuchtige, kantige Haube mit freistehenden, eckigen Kotflügeln zum Einsatz, mit einem Design wie mit der Axt gehauen. Die Produktion der Eckhauber, die es als Zwei- und Dreiachser gab, startete im Jahre 1953. Zunächst mit Modellbezeichnungen, die aus einer Kombination von Buchstaben und Ziffern bestanden. Ab 1953 kamen Planetennamen als Zusatz hinzu, etwa Jupiter, Mercur oder Uranus.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Ab 1958 gab es dann die Verbindung der Planetennamen mit Zifferzusätzen, der erste bezeichnet die Motorleistung in PS, ab 1964 steht der zweite Ziffernzusatz für das zulässige Gesamtgewicht in Tonnen. Spannend am Rande: Damals gab es neben den erwähnten Jupiter, Mercur und Uranus auch noch Saturn und Pluto – denn der Pluto zählte damals noch zu den Planeten. Die Buchstaben A standen für Allrad, D für Deutz-Motoren, K für Kipper. Ab 1962 wurden schließlich auch die runden Hauben der konventionell angetriebenen Magirus Lkw schrittweise durch die Eckhauben abgelöst. Bis 1971 wurden die Eckhauber der zweiten Generation regulär gebaut. Eingesetzt wurden die robusten Eckhauber etwa bei Feuerwehren – wo ja auch der hier gezeigte Eckhauber vor seiner Zeit als Freizeit-Mobil im Einsatz war – und bei der Bundeswehr, dem THW oder auf dem Bau.

Der 125 D 10 von Stephan Schmidt hat also einen luftgekühlten Deutz-Motor, einen Vau-Sechs mit 7.412 ccm Hubraum. Daraus holt der Deutz, der – ursprünglich – ein zulässiges Gesamtgewicht von zehn Tonnen hatte, 92 kW / 125 PS. Er wurde allerdings mittlerweile auf 7.49 Tonnen abgelastet.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Warum sollte es ein Magirus sein? „Der ist einfach schön – und hat in meinen Augen ein recht gutes Preis-/Leistungsverhältnis,“ so Schmidt. Gedacht war der allradgetriebene Laster als Basisfahrzeug für ein fernreisetaugliches Reisemobil. Zum Erreichen ferner Ziele – abseits befestiger Straßen – helfen der permanente Allrad, Mittel-Sperre und ein Untersetzungsgetriebe. Ungewohnt für Fahrer aktueller Neuwagen: Das unsynchronisierte 5-Gang Schaltgetriebe des Magirus.

Rund zwei Jahre hat Stephan an seinem Allrad-Womo gebaut - und geriet dabei mächtig auf den Holz-Weg, im besten Sinne des Wortes. Kein Wunder, schließlich ist der Mann gelernter Schreiner.

Der Wohnkoffer besteht aus einem Stahlrohrrahmen, den Stephan außen mit 17 mm Holz beplankt hat. Mit 60 mm Dämmung lässt es sich auch bei extremen Temperaturen gut im Wohnaufbau aushalten. Gegen Kälte hilft eine mit Diesel betriebene Standheizung, die – bei Bedarf – von einem Holzofen unterstützt wird.

Neben dem Wohnaufbau hat Stephan auch sechs Holzfenster, drei Holzdeckenluken und die Holztür im Heck selbst gebaut. Klar, auch die Innenausstattung ist selbst gefertigt, aus Multiplexplatte Massivhölzern, gebeizt und lackiert, der Boden besteht aus Eichedielen. Rechts von der Einstiegstür finden sich der Holzofen und der Zweiflamm-Kocher, links liegt die Spüle mit Porzellan-Waschbecken. Ans Fahrerhaus schließt sich die Doppel-Dinette an. Über dem Fahrerhaus, erreichbar durch einen verschließbaren Durchgang, befindet sich im Alkoven die ausgesprochen gemütliche Schlafstatt.

Klicken Sie hier, um zur Galerie zu gelangen.

Zwei 170 Ah Batterien speichern ausreichend „Saft“ für den Betrieb elektrischer Geräte, ein 150 Watt Solarpanel mit Hochleistungsregler lädt die Akkus nach. Mit an Bord sind außerdem ein 300 Watt Wechselrichter, ein 40 A Automatik-Ladegerät sowie ein 220 Liter fassender Frischwassertank. Mitsamt dem Aufbau ist der Magirus nun 695 cm lang, 236 cm breit und 349 cm hoch. Um die Geländeeigenschaften des Allrad-Lasters nicht über Gebühr einzuschränken, hat Stephan für die Mitnahme einer Enduro einen einschiebbaren Motorradträger konstruiert. Bei abgeladenem Motorrad hat er auf dem Träger sogar eine Art Veranda. Komplett reisefertig kommt der Magirus auf ein Gewicht von 6.950 Kilogramm – da bleibt bis zum Erreichen des zulässigen Gesamtgewichts von rund eine halbe Tonne Zuladung. Rund 80.000 Kilometer hat der „Maggi“ mittlerweile mit Stephan am Lenkrad zurück gelegt – und dabei auch Afrika gesehen.

Zum Reisen kommt Stephan nicht mehr so oft wie früher - denn er hat aus seiner Begabung einen Beruf gemacht und baut in seiner Firma Orangework (www.orangework.de) individuelle Fernreisemobile nach Kundenwunsch. Wer Interesse an einem fernreisetauglichen Allrad-Womo hat: Aktuell steht gerade ein MAN KAT 1 mit Holz-Aufbau zum Verkauf – noch ohne Ausbau, so dass der künftige Besitzer den Wohnbereich ganz nach seinem Gusto fertigen (lassen) kann.

Quelle: Gerhard Prien